Ça vous parle?
Claire Glorieux
Skulptur, 9 Monitore, 2 Computer, 2 Lautsprecher, Verstärker, „Dictionnaire“ (Wörterbuch), 20 Min.
Paris 2009
Claire Glorieux (*1983, lebt und arbeitet in Paris) verfolgt in ihrer Arbeit „Ça vous parle?“ die Erstellung eines Inventars der nichtgesprochenen Sprache. Dazu hat sie 150 Gesten und Mimiken aus 23 Ländern gesammelt. Sechzehn Personen, deren Alter und Herkunft verschieden ist, führen die gesammelten Gesten aus, die eine Datenbank von insgesamt 2.200 Samples bilden. Sie werden auf neun unterschiedlich großen Monitoren gezeigt. Ihre Anordnung in einem Regal erinnert an eine Bibliothek und verstärkt dadurch den enzyklopädischen Charakter der Arbeit. Zwischen Kanon, Kakophonie, Chor
und Monolog organisieren sich die Videos um den Text.
Wie allgemein bekannt, variieren die Gesten der verschiedenen Kulturen untereinander. Sprechen zum Beispiel Europäer mit Chinesen, kann es gut sein, dass wir das Links-Rechts-Drehen des Kopfes als ein „Nein“ abtun, obwohl damit ganz klar ein „Ja“ ausgedrückt werden soll. Oder aber in afrikanischen Ländern existieren gewisse Gesten und Laute, die wir nicht ohne weiteres zu entziffern und zu deuten vermögen, obwohl sich solche Handzeichen auf Reisen in ferne Länder und Kulturen als letzte mögliche der Kommunikation anzubieten scheinen.
Claire Glorieux erarbeitet eine aus dem sozio-kulturellen Bereich entlehnte Theorie. Mit der gewählten Präsentationsform, schneller Kameraschnitt, minimale Erklärungen, Aufsplitterung auf verschiedene Monitore, Anordnung der Monitore, zeigt sich jedoch der primär künstlerische Anspruch des Werkes. Während die Videoarbeit visuell ästhetisch argumentiert, wird das kleinformatige, handliche Buch in der Größe eines Reise-Dictionnaires eher dem Anspruch einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung gerecht. Diese Publikation hat die Künstlerin zusätzlich zur Videoarbeit herausgegeben („Il faut voir comme on nous parle“. Dictionnaire du langage non verbal, 160 Seiten, illustriert, französisch). Darin ist im Gegensatz zu den Videos nur eine einzige Protagonistin abgebildet, zudem zeigt das Buch eine geordnete Aufzählung und Darlegung der Bedeutungen von Gesten, während die Videoarbeit eine unruhige Zusammenstellung der Sequenzen bildet. Der Dictionnaire will keine Vollständigkeit anstreben, sondern steht exemplarisch für eine beliebig fortzusetzende Studie. Aufgrund ihrer französischen Herkunft finden natürlich vor allem auch typisch mitteleuropäische Gesten ihren Ausdruck. Die Seiten zeigen alle eine schwarz-weiße Fotografie derselben Frau im Brustbild, in gleicher Kleidung vor hellem Hintergrund.
Aufgrund der Frisur lässt sich erkennen, dass sämtliche Gesten in einem Shooting zustande kamen. Unter dem Bild befinden sich jeweils drei Textabschnitte, was im folgenden Beispiel ersichtlich gemacht werden soll: „CE QUE L‘ON VOIT: L‘index tire le haut de la joue vers le bas, laissant apparaître le rouge de l‘oeil. LIEUX OU ON PEUT LE VOIR: France. CE QUE L‘ON DOIT COMPRENDRE: ’Je ne te crois pas.‘“ („MAN SIEHT: Der Zeigefinger zieht die Wange gleich unter dem Auge nach unten, so dass man die rote Haut des Auges sieht. ORT, AN DEM MAN DIES BEOBACHTEN KANN: Frankreich. WAS MAN DARUNTER VERSTEHEN SOLL: ‚Das glaube ich dir nicht.‘“)
Alexandra Blättler
