Vorwort
In seiner Novelle „Gehen“ hat Thomas Bernhard einen seiner beiden Protagonisten sagen lassen, dass wir uns heute eine Landschaft nicht mehr ansehen könnten, ohne dabei an Landschaften zu denken, die der Maler Caspar David Friedrich gemalt hat. Mehr noch, die Bilder des Malers Caspar David Friedrich seien derart in unser Gedächtnis eingebrannt, dass wir nicht einmal mehr bemerken würden, wie sehr die Landschaftsmalerei des Caspar David Friedrich unseren Blick auf Landschaften bestimmten. In der Konsequenz würde so die Landschaftsmalerei Caspar David Friedrichs über den von ihm beeinflussten Blick auf die Landschaft wiederum auf durch diese angeregte Sichtweisen wirken.
Gleiches gilt für Verhaltensmuster, die an uns gestellte Erwartungen sowohl von außen als auch durch unser Selbstbild strukturieren. Als prägende Formulierungen für diese Klischees steht jedoch heute nicht mehr die Malerei im Fokus, sondern vor allem Medienbilder und damit insbesondere auch die Medienkunst. Gesellschaftliche Typisierungen strukturieren unsere Kommunikation. Im alltäglichen Umfeld wechseln wir sie ständig: vom Familienvater zum Büroangestellten, vom Supermarktkonsumenten zum Fernsehzuschauer. Diese Darstellungstopoi sind auf die jeweiligen Anforderungen abgestimmt und bilden mit ihnen eine Art Symbiose. Unser Verhalten ist durch ihre jeweiligen Abwandlungen geprägt. Im Spannungsfeld von Konsumentenprofil und der Vorstellung einer selbstbestimmten Individualität lassen sie sich als Pathosformeln verorten. Dabei eröffnet sich die Frage nach den Grundlagen dieser Selbstinszenierungsarten vor dem Hintergrund einer anthropologischen Kontinuität einerseits und gesellschaftlicher Prägungen andererseits. Die künstlerischen Arbeiten der diesjährigen Monitoring-Auswahl finden diese Topoi im Verhältnis von politischen Führungskräften und Praktikanten, Zwillingen untereinander, den vermutlich gar nicht so unterschiedlichen Kandidatinnen eines Schönheitswettbewerbs oder den Erinnerungen an Orte der eigenen Vergangenheit. In den gezeigten Videoinstallationen erscheinen die Stereotypen in ihrer gesellschaftlichen und konsumorientierten Abhängigkeit, aber auch als sich selbst generierende Strukturen. Die Zusammenstellung von Miniaturgesten der Kommunikation, der Verlust der Identität im Augenblick einer vermissten Spiegelung im Medienbild oder die Bewegungen vor einer Musikmaschine veranschaulichen Eingriffe in unsere Verhaltensstrukturen. Dabei dienen sie grundlegend dem Versuch gegenseitiger Verständigung. Das gemeinsame Leben der Zwillinge ermöglicht ein Vertrautsein mit dem Verhalten des anderen und seiner Geschichte. Gesten und Gesprächsstrukturen verweisen auf Machtkonstellationen, denen Weltbilder zugrunde liegen, beispielsweise bei einem Polizeiverhör. Die Kontinuität einer Begeisterung von Kindern für das spielerische Nachahmen von Gewalt in Kriegsspielen, unter anderem in Vietnam, zeigt eine Spur der Erinnerung, die sich über das individuelle Gedächtnis hinaus in Form eines gesellschaftlichen Gedächtnisses etabliert. Bilder fokussieren diese Strukturen oder wenden sich gegen das Vergessen, obwohl sie paradoxerweise das allmähliche Verschwinden bewahren, wie im Fall der Berliner Mauer. Kollektive Erinnerungen und typisiertes Verhalten in ihrer medialen Vermittlung bilden den Hintergrund für die Werke, die in diesem Jahr in der Ausstellung Monitoring gezeigt werden. Sie geben Anlass für medienkünstlerische Analysen von gesellschaftlichen Zusammenhängen und Formen der Identitätsbildung. Die 16 Medieninstallationen der Ausstellung Monitoring wurden ausgewählt von einer Jury, die sich aus Künstler/innen, Kurator/innen und Kunstwissenschaftler/innen zusammensetzt. Zu ihr gehören unter anderem Mitarbeiter/innen des Kasseler Kunstvereins, des Evangelischen Forums Kassel, der Hochschule für Bildende Künste Dresden, der Kunsthochschule Kassel und des Filmladens. Seit Jahren bildet das Kuratorenteam ein beispielhaftes Netzwerk aus unterschiedlichen Kunst- und Medieninstitutionen.
Die ausgestellten Arbeiten sind für den mit 2.500 Euro dotierten „Golden Cube“ nominiert, den Preis für die beste Medieninstallation, gestiftet von dem Kasseler Softwareunternehmen Micromata GmbH.
Holger Birkholz