8 Lessons on Emptiness with a Happy End
Marina Abramovic
6 Monitore, 6 HD-Player, 26 Min.
Laos 2008
„8 Lessons on Emptiness with a Happy End“, die neueste Arbeit von Marina Abramovic, vermittelt die grundlegende Angst vor einer aktuell zunehmenden Zahl von Gewaltdarstellungen. Die Künstlerin bezieht sich dabei grundlegend auf die Repräsentation von Gewalt in der Mediengesellschaft. Sie sagt: „Ich weiß nicht, warum ich mir all diese grausamen Bilder ansehen muss. Es fing damit an, dass ein Schamane in Laos aus spirituellen Gründen ein Schwein tötete. Aber das Morden von Menschen, wie ich es überall im Internet sehe, hat keine erlösende Qualität.“
Die Videobilder der Mehr-Kanal-Installation „8 Lessons“ sind als langer Fries angeordnet. Es handelt sich um zwei vertikale und zwei horizontale Bildschirme mit dem Haus als zentralem Bild. Abramovic erzeugt Stille in der Landschaft mit statischen Aufnahmen eines Wasserfalls, einer Insel und eines Ahnenbaums. Dieser folgt eine Szene, in der Kinder in ein gewöhnliches, karges, wenig einladendes Haus gehen, das sie vor Ort errichten ließ. Was folgt sind Handlungen, aufgeführt als tableaux vivants eines stilisierten Konflikts: Verhandlungen, Kampfeshandlungen, Gefangenen- und Krankentransporte, Hinrichtungen und dergleichen mehr. Besonders verstörend ist diejenige Szene (in Lektion Sechs), in der Spielzeughubschrauber bei wiederholt vergeblichen Versuchen abzuheben mit Möbeln zusammenstoßen. Ausgangspunkt der Künstlerin bei der Nachbildung solch archetypischer Bilder der Kriegsführung war nicht das bekannte Repertoire der westlichen Kunst, sondern der Bereich Fernsehen und Videospiel. Abramovic inszeniert diese Szenen nicht erzählerisch. Damit betont sie ihr Anliegen, Lehrstücke zu schaffen, von denen wir alle profitieren können, einschließlich die Künstlerin. Abramovic, die sich oft allegorische Personifi kationen unterschiedlicher Frauenrollen zu eigen gemacht hat, nimmt in dieser Arbeit eine besonders schmerzliche Rolle ein. In der vierten Lektion wird sie von Kindersoldaten zu Boden geworfen. Gefesselt von Seilen ist sie völlig stillgestellt. Ihre Augen sind geschlossen. In der Welt der Kinder ist sie ein „großes Monster“, das entmachtet wurde. Mit diesem für eine ‚Performerin‘ bemerkenswerten Schritt belegt Abramovic ihre kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Subjektivität durch Handlungen. Nach Amelia Jones’ grundlegenden, theoretischen Erkenntnissen zu Fragen der Entstehung von Subjektivität und der Herstellung von Bedeutung durch Repräsentation des menschlichen Körpers, kann das von Abramovic eingesetzte performative Verfahren als letztlich lebensspendend verstanden werden. Am Ende bewahrt die Künstlerin die Kinder davor, zu Objekten zu werden und lässt sie wieder als Subjekt erscheinen. Damit zeigt sie, dass das aufgeführte Spektakel mehr eine nachgestellte Aufführung im Sinne eines Psycho- Dramas oder eines schamanischen Rituals war. Beide bieten eine spirituelle Reinigung.
Abramovics Vision ist so bewegend, weil sie in zweierlei Hinsicht keinen Kompromiss eingeht: bezogen auf den dem Krieg innewohnenden Schrecken und die Unschuld der Kindheit. Trotz der überbordenden Fülle erschütternder Bilder in der heutigen Mediengesellschaft glaubt Abramovic an die entwaffnende und erlösende Macht zeitgenössischer Kunst. Sie tritt für Gnade ein, so umstritten das auch sein mag.
Jovanna Stokic
