Dokfest-Archiv



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Das Dokfest-Archiv beinhaltet Online-Programminformationen ab dem 12. Kasseler Dokfest

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Factum Kang

Candice Breitz
2 Monitore, 2 HD-Player, 4 Lautsprecher, 2 Verstä
Toronto 2009

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„Same same but different“ lautet eine bekannte, international verbreitete Redewendung, deren Ursprung auf eine besondere thailändisch-englische Wortschöpfung zurückzuführen ist. „Gleich gleich und doch verschieden“ – so die wörtliche Übersetzung – ist die Ausgangsbeobachtung von vielen Arbeiten der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz. Beispielsweise die sechzehn Fans von Michael Jackson, die in ihrer Arbeit „King (A Portrait of Michael Jackson)“ das komplette Album „Thriller“ singen und performen, versuchen ihrem Idol so nah wie möglich zu kommen. Das fängt beim Aussehen an und endet in präzise einstudierten Bewegungen. Doch letztlich wird auch die genaueste Kopie zu einer eigenständigen Interpretation und einer ganz persönlichen Übersetzung. Die Kamera nähert sich – ohne den voyeuristischen Blick vieler Fernsehformate zu bedienen – den unterschiedlichen Persönlichkeiten auf einfühlsame und intime Weise und gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis, im Gegenteil: Die Betrachter/innen stehen respektvoll und anerkennend vor den mit großer Ernsthaftigkeit agierenden
Fans.

Es ist genau diese Annäherung auf Augenhöhe, die Candice Breitz ihren Protagonist/innen entgegenbringt und die ihre Werke auszeichnet. So verhält es sich auch mit der aktuellen Videoarbeit „Factum“, die im Rahmen der Ausstellung Monitoring erstmalig in Europa gezeigt wird. Der Titel geht zurück auf die zwei Bilder „Factum I“ und „Factum II“ von Robert Rauschenberg aus dem Jahr 1957. Es war ein Versuch des Malers, zwei Bilder gleich aussehen zu lassen. Die Zwillingsbilder, die selber wiederum gefüllt sind mit Dopplungen (zwei Bäume, zwei Fotos von Präsident Roosevelt u. ä.) weisen durchaus Ähnlichkeiten auf, behalten aber am Ende ihre Originalität und Eigenständigkeit. Während Rauschenberg damit anschaulich den Anspruch des Authentischen an die Kunst unterlief und die Frage nach Original und Kopie ad absurdum führte, ist es für Zwillingspaare in ihrer alltäglichen Umwelt offensichtlich viel schwerer, sich genau diesen Fragestellungen und Herausforderungen zu stellen. Das veranschaulichen die Interviews, die Candice Breitz in Toronto mit sieben eineiigen Zwillingspaaren und einem Drillingspaar führte.

Als Gesprächspartner wählte sie Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, ethnischer und sozialer Herkunft. Sie hat die Geschwister getrennt von einander befragt und die Antworten nachträglich in einem Dialog zusammengeführt, der auf zwei nebeneinander hängenden Plasmamonitoren gezeigt wird. Ihre Schnitttechnik lässt abwechselnd eine Person sprechen und die andere stumm verharren; manchmal erscheint auch ein schwarzes Bild an Stelle des zweiten Protagonisten. So kommt dem Erzählenden eine besondere Form der Aufmerksamkeit zu. Und oftmals geht es in den Gesprächen um diese Aufmerksamkeit, um Eigenständigkeit, um die eigene Identität innerhalb einer gemeinsamen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Geschwister in ihren Erzählungen unabhängig voneinander die gleichen Worte wählen, ähnliche Gesten zeigen und doch verschiedene Sichtweisen zum Ausdruck bringen. Dieses Zwillingsphänomen, über das wir schon so viel zu wissen glauben, erhält hier eine sehr persönliche Komponente, die in der direkten Konfrontation mit diesen Menschen ihre Abstraktheit verliert und zugleich fesselt. Irgendwann sucht das Auge nicht mehr nach den Ähnlichkeiten oder Abweichungen bei Körperhaltung oder Kleidung. Am Ende zählen nur noch die Geschichten der Protagonist/innen, ihre Suche nach Eigenständigkeit und Identität als Teil eines Paares.

Beate Anspach