Dokfest-Archiv



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Das Dokfest-Archiv beinhaltet Online-Programminformationen ab dem 12. Kasseler Dokfest

Ideal

Mascha Danzis
5 16mm-Projektoren, 5 16mm-Loop-Vorrichtungen, 5 P
Kassel, Hamburg 2009



In dem russischen Film „Drei Pappeln auf Plüschicha“ aus dem Jahre 1967 singt eine Frau ein Lied über die Liebe und Zärtlichkeit, doch bleibt dieses Lied ein Lied der Sehnsucht, denn sie wird den Schritt entgegen aller Konventionen, ihr Leben zurückzulassen und ins Ungewisse zu gehen nicht wagen.
Die Geschichte folgt dem klassischen Vorbild romantischer Literatur des späten 18. Jahrhunderts, in dem die Sehnsucht, Gegenstand des Absoluten ist und das vollkommene Menschsein ausdrückt. Ihr unerreichbares Ziel bleibt eine Utopie, in dem sich der Mensch, durch schwärmerisches Suchen, das unbefriedigt bleibt, selbst gefangen hält und durch das er wie in eine Art unendlichen Rausch gleitet. Jean-Jacques Rousseau beschrieb diesen Zustand als état naturel (Naturzustand), welcher verknüpft ist mit einem unreflektierten Weltverhältnis.
In einem vom schummrigen Licht ratternder 16mm-Projektoren erhellten, cineastischen Raum, begegnet der Zuschauer einer Frau, die von Sehnsucht und Ungewissheit beherrscht wird. Die Protagonistin wird zum Sinnbild unerfüllter Liebe. Durch die auf ein Minimum reduzierte Handlung, in der die Bilder nahezu fotografisch anmuten, wird die Konzentration auf die Emotionen gelenkt. In dem rein atmosphärischen Moment, in dem man nicht weiß, ob noch etwas passieren wird, oder schon etwas passiert ist und was genau es eigentlich ist, das passiert, werden eigene Erinnerungen evoziert. Die Beklemmung überträgt sich auf den Betrachter, der in diesen Zustand mit ihr verweilen wird.
Mascha Danzis, die 1972 in St. Petersburg geboren wurde und dort aufwuchs, bezieht sich mit fünf kurzen Bildsequenzen auf russische und amerikanische Spielfilmen der fünfziger und sechziger Jahre, die romantische Vorstellungen der unerfüllten Liebe aufgreifen. Das russische Kino, das einer starken Zensur unterlag, zeichnete ein Bild der Leidenschaften, die zugunsten sozialer und moralischer Verpfl ichtungen unbefriedigt bleiben mussten, um den Vorstellungen des kommunistischen Regimes gerecht zu werden. Die Heldin der Kinoleinwand gibt ihren Sehnsüchten nicht nach und erfüllt das Idealbild einer guten Mutter, die sich um die Familie und den Haushalt kümmert. So stellt sich gleichzeitig die Frage, ob das Verharren der Liebe im Status der Sehnsucht nicht notwendiger Bestandteil des alltäglichen Trott ist. Das gesellschaftliche Ideal sieht sich bedroht durch ein unkontrollierbares Gefühl. Es zu bannen evoziert zugleich alle Höhen und Tiefen menschlicher Emotionalität. Brauchen wir diese unerfüllte Liebe im Leben, um die eigenen Emotionen wirklich erfahren zu können?
Regierungen nutzen Medien, um ein Ideal des Bürgers zu zeichnen. Russischen Frauen wurde das Bild vermittelt, stets loyal gegenüber ihrer Familie zu sein und ihren Leidenschaften und Sehnsüchten nicht nachzugeben. Es wird zu einer Art Kult, in dem die Kinobesucherinnen ihren weiblichen Vorbildern nacheifern. Und doch erzählen die Filme immer auch Geschichtenaus dem Leben. Ist das Leben wie ein Film, oder der Film wie das Leben? Mascha Danzis bejaht beides.

Beatrix Schubert