Dokfest-Archiv



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Das Dokfest-Archiv beinhaltet Online-Programminformationen ab dem 12. Kasseler Dokfest

HOME

Sophie Ernst
5 Modelle, 5 Video-Projektoren, 5 Computer, 10 Kop
Sharjah 2009

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© Vipul Sangoi
Installation view: Royal Geographical Society, London / Courtesy: Green Cardamom

„Biografische Erinnerungen sind unentbehrlich, denn sie sind der Stoff, aus dem Erfahrungen, Beziehungen und vor allem das Bild der eigenen Identität gemacht sind.“ (1)

Aspekte individueller Erinnerung und ihr Verhältnis zum kollektiven Gedächtnis, zur institutionalisierten Geschichtsschreibung und Architektur verhandelt Sophie Ernst in ihrer mehrteiligen Videoinstallation „HOME“. Ausgangspunkt der Arbeit bilden unterschiedliche Interview-Situationen, in denen Menschen aus Pakistan, Indien und Palästina ihre Heimatorte beschreiben, die sie zu einem bestimmten Zeitpunkt unfreiwillig verlassen mussten. Einige erinnern sich an regionale Besonderheiten, erzählen von historischen Begebenheiten, Mythen und Anekdoten. Andere konzentrieren sich auf das eigene Haus und berichten von eigens erlebten Ereignissen und emotionalen Spuren, die diese hinterlassen haben.

Unterstützt wird der verbalisierte Erinnerungsprozess durch die visuelle Form der Zeichnung. Gemeinsam mit dem Interviewer skizzieren die einzelnen Personen architektonische Entwürfe der erinnerten Orte, die sie im Fortlauf des Erinnerungsprozesses immer wieder korrigieren und erweitern. Der rekonstruierende Prozess wird fi lmisch dokumentiert und erfährt eine skulpturale Manifestierung in Form eines dreidimensionalen architektonischen Modells.

In „HOME“ werden individuelle Erinnerungsvorgänge – die durch ihre fragmentarische, subjektive und vergängliche Struktur gekennzeichnet sind – provoziert, auf drei medialen Ebenen festgehalten und zu einer Art ganzheitlichen memorialen Skulptur zusammengefügt. Die zeitliche Dimension des projizierten Films wird mit der Räumlichkeit des Modells konfrontiert und wirft die Frage nach institutionalisierten Konstruktionen des kollektiven Gedächtnis und seiner Beziehung zur Architektur auf. Architektonische Denkmäler werden von herrschenden Diskursen mythisch aufgeladen und provozieren positiv oder negativ konnotierte Projektionen, die eine bestimmte Form von nationaler Identität aufrechterhalten. Sophie Ernst setzt in ihrer Arbeit auf Oral History, die eine horizontale Vermittlung ermöglicht, und stellt die Frage nach Potenzialen von individueller Erinnerung und ihrer Einflussnahme auf das kollektive Gedächtnis. Bestimmte Inhalte, die nicht Teil der anerkannten Geschichtsschreibung sind, kommen in „HOME“ in Form einer „lebendigen, utopischen Stadt“ zur Sprache und bilden eine bereichernde Alternative.

„Kollektive Formen der Vergegenwärtigung tendieren dazu, den Horizont des Gedächtnisses zu verengen und seinen Gehalt zu vereinheitlichen, was immer auch der politischen Instrumentalisierung dienen kann. Individuelle Formen der Aneignung und Erneuerung rastern dagegen diesen Erinnerungsgehalt auf und verschieben seinen Horizont durch Einbeziehung neuer und unerwarteter Aspekte.“ (2)

Polina Stroganova


(1): Assmann, Aleida: Individuelles und kollektives Gedächtnis – Formen, Funktionen und Medien. In: Das Gedächtnis
der Kunst. Geschichte und Erinnerung in der Kunst der Gegenwart. Ostfi ldern-Ruit, 2000
(2): ebd