Dokfest-Archiv



  Dokfest-Archiv

Das Dokfest-Archiv beinhaltet Online-Programminformationen ab dem 12. Kasseler Dokfest

Print

Interrogation

Ignas Krunglevicius
2 Video-Projektoren, Computer, 2 Lautsprecher, Verstärker, Subwoofer, 13 Min.
Oslo 2009

assets/Uploads/_resampled/SetWidth237-InterrogationIgnas-Krungleviciusklein.JPG

Was ist es eigentlich, dass uns immer wieder gebannt die Polizeiverhöre in den entsprechenden Fernsehserien verfolgen lässt? Die Struktur solcher Gespräche scheint immer die Gleiche zu sein. Auf der einen Seite sitzt dabei der die Befragung durchführende Polizeibeamte oder ein Kommissar. Je nach filmischem Genre kann die Befragung auch von einem Geheimagenten oder, unangenehmer für den Befragten, durch einen Gangster erfolgen. Auf der anderen Seite sitzt ein Verdächtiger oder jemand, von dem man hofft, sachdienliche Hinweise zu Tathergang, beteiligten Personen oder Motiven
zu erfahren. Das Setting ist im Grund denkbar einfach, ein Tisch und je ein Stuhl auf jeder Seite und gewisse Formen der Degradierung, Verunsicherung oder Manipulation durch seelische oder körperliche Gewalt gegenüber dem Befragten. Einer dieser klassischen Topoi der Verunsicherung ist die auf den Befragten gerichtete, ihn blendende Schreibtischlampe. Wichtig ist auch, dass der Befragte sich gegen das Verhör sträubt, andernfalls würde es sichtlich an Spannung verlieren. Dieses simple Szenario erfüllt offensichtlich unser Bedürfnis nach Unterhaltung. In dieser Art der Kommunikation steckt das uralte Modell des Geschichtenerzählens, nur dass der Erzähler nicht freiwillig seine Geschichte preisgibt. Doch erzählt auch Scheherazade
nicht ohne drohende Gewalt, langweilt sich der Sultan, so droht ihr die Enthauptung. Ignas Krunglevicius hat ein solches Polizeiverhör als Grundlage für eine Videoarbeit gewählt, in der die Anspannung einer Verhörsituation typografisch und akustisch umgesetzt wird. Der Rhythmus der Klangspur, schnelle Tonfolgen, unterbrochen von länger anhaltenden Tönen in spürbar unangenehmer Frequenz, und die schnelle Folge der zu lesenden Fragen setzen auch den Betrachter physisch unter Druck. Leuchtend grelle Farben, die das Gespräch strukturieren, markieren gleichzeitig Momente extremer psychischer Belastung. Dieser Druck besteht auf beiden Seiten. Der Fragende stellt sich dem Anspruch, etwas erfahren zu müssen, und der Befragte fühlt sich gedrängt, etwas preiszugeben. Trotzdem zeigt sich hier ein Machtverhältnis,
das deutlich durch den Befragenden bestimmt wird. Krunglevicius stellt seiner Videoarbeit im Ausstellungsraum einen Leitfaden an die Seite, der Verhaltensempfehlungen für Befragungen gibt. Er zeigt, wie strategisch psychischer Druck aufgebaut wird, um bestimmte Informationen zu erlangen. Die schnelle Folge von Fragen wird dabei zum Bild der Selbstsicherheit des Befragenden, der sich damit über die verunsicherte Befragte stellt. Zudem ist sie durch Fragen, die ihr persönliches privates Umfeld betreffen, emotional stark betroffen. Die Geschwindigkeit der Befragung Krunglevicius’ und der Umstand, dass der Dialog inhaltlich auf einer strukturellen Ebene bleibt, statt tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, erhöhen die Spannung und lenken dabei gleichzeitig den Blick auf den formalen Aspekt des repräsentierten Geschehens.

Holger Birkholz