Dokfest-Archiv



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Das Dokfest-Archiv beinhaltet Online-Programminformationen ab dem 12. Kasseler Dokfest

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Singing in the Rain

Nadja Verena Marcin
Video-Projektor, Blu-ray-Player, 2 Lautsprecher, 4:12 Min.
Los Angeles 2008

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Während Nadja Marcin „Singin’ in the Rain“ vor der Public Library in Downtown
Los Angeles tanzt, ist sie der einzige Mensch auf dem von ihr gewählten
Schauplatz. Es ist früh am Morgen, kurz nach der blauen Stunde, und die
nachgeahmten männlichen Posen erscheinen in der Leere des städtischen
Raums fremdartig sinnlich. Schon mit ihrer Kleidung, einem handgenähten
Nacktkostüm, steht sie in deutlichem Gegensatz zum hochgeschlossenen
Anzugträger Gene Kelly, der im Original von 1952, dem Kinofilm „Singin’ in
the Rain“, steppte. Marcins Erscheinungsbild passt nicht zur Tradition der
1950er Jahre, die der Verhüllung des Körpers anstelle seiner Entblößung den
Vorrang gaben. Überdies ist es taghell – und es regnet nicht.

Mit Euphorie und Anstrengung exerziert die Künstlerin die vollen vier Minuten
und zwölf Sekunden des liebestrunkenen, männlichen Schautanzes.
Marcins Ausdruck erscheint jedoch zu ernst für ein Training oder eine Persifl
age des engagierten Performers zu sein. Die Aktion vermittelt eine Art
Abgeschiedenheit und Intimität, bis hin zur Melancholie. Es erscheint unstrittig,
dass die Figur einer aufrichtigen Motivation folgt: Sei es die Wiedergeburt
einer Ikone im Kontext der Postmoderne und deren Scheitern, sei es
die Sehnsucht nach Halt und seine gleichzeitige Abwehr.

Marcins „Singing in the rain“ hat etwas mit der Rollenfindung des Menschen
zu tun und dessen ‚Maskiertsein’ dabei. Was bedeutet das im kulturellen
Kontext, wenn die Rituale der Verkleidung öffentlichen durchlebt werden?
Mit dem Tanz vereinnahmt Marcin den öffentlichen Raum, den Park vor der Public Library, indem sie ihn zur Tanzfl äche macht. Die Regeln des Alltags tritt sie mit dem Metall der Steppschuhe artistisch nieder und ersetzt sie mit der kindlichen Energie und Leichtigkeit des Tanzes. Diese Improvisation ist zugleich penetrant ungekonnt wie charmant, komödiantisch, elegant.

Die politische Absicht von Marcins Gegendarstellung des berühmten Tanzes
wird besonders deutlich durch die Aneignung der Choreographie, Gestik
und Mimik Gene Kellys durch eben eine Frau. Wird nunmehr der aktive Part
des Werbenden von der weiblichen Seite beansprucht, so berührt das deren
Sexualität und Selbstbestimmtheit. Dennoch transportiert der Tanz auch
negative Gefühle von Verlust und Verunsicherung. Ist dies die Suche nach Halt oder umgekehrt die Angst vor der Freiheit? Wäre es dann ein genderspezifisches Phänomen, oder beschreibt es einen generellen Zustand der jungen Generation? Ist es als Krise der Langeweile zu werten, dass auf Ikonen des 20. Jahrhunderts zurückgegriffen wird, oder als Ausdruck des Rückzugs ins Private, da der öffentliche Raum als anonyme Zone ohne Wohlgefühl wahrgenommen wird? Vielleicht auch als fehlendes Gefühl der Zugehörigkeit? Ist der öffentliche Raum enteignet, weil nichts darin persönlich ist, oder ist der Tanz der materialisierte Versuch, ihn sich wieder zu eigen zu machen?

Greta Gesenberg