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Das Dokfest-Archiv beinhaltet Online-Programminformationen ab dem 12. Kasseler Dokfest

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Vertical Villa (Part Two)

Karina Nimmerfall
Modell, Video-Projektor, DVD-Player, Plakat
Wien 2009

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Karina Nimmerfall (*1971, lebt in Berlin) setzt sich in ihrem künstlerischen Werk immer wieder mit Fragen der Architekturrezeption und den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie auseinander. Dabei thematisiert sie nicht nur den Einsatz von Architektur in Unterhaltungssendungen als Filmkulisse, sondern untersucht gleichzeitig die gesellschaftliche Rolle, die bestimmten Orten oder Gebäuden im Rahmen dieser Inszenierungen zugeschrieben wird. In ihren Medieninstallationen werden bekannte Filmsettings zu eigenständigen Handlungsträgern der Erzählung. Neben kollektiv erinnerten Orten mit großem Bekanntheitsgrad sind das vielmehr die unzähligen, scheinbar willkürlich ausgewählten Schauplätze, die uns immer wieder begegnen, ohne dass sie bewusst wahrgenommen werden. Ob die Vorabendserie nun in Miami, Los Angeles oder New York spielt: Der Ort des Verbrechens sieht überall gleich aus. Es sind Brückenunterführungen, dunkle Seitenstraßen oder unpersönliche Hotelzimmer. Grund dafür ist der Rückgriff auf sogenannte stock footage. Dabei handelt es sich um Szenen, die bereits aufgenommen wurden und nun für weitere Filme ausgeliehen oder zu geringen Preisen erworben werden können, was besonders für regelmäßig produzierte Serien eine kostengünstige Alternative darstellt. Auf eines dieser Bilder – die Skyline von New York – greift Karina Nimmerfall als Teil der Installation „Vertical Villa (Part Two)“ zurück. Die Luftaufnahme ist zusätzlich digital bearbeitet und verfremdet. Starker Regen verdeckt die Sicht auf die Stadt, die schnell vorbeiziehenden, dunklen Wolken und das bewegte Wasser wirken irritierend und bedrohlich. Ein Haus steht plötzlich lichterloh in Flammen. Aber die Autos auf den Straßen stehen wie eingefroren still, Zeichen menschlichen Lebens fehlen. Es könnte auch die Totale für einen Katastrophenfilm sein, der den Untergang der Stadt mit zahlreichen Special Effects andeutet und ein Bedrohungsszenario entwirft, wie man es im Kino schon häufig gesehen hat.

Die weltweit bekannte New Yorker Skyline mit ihren verglasten Hochhausfassaden und Stahlkonstruktionen findet ihre räumliche Entsprechung in der modellartigen Konstruktion, die den Raum dominiert. Die aus Plexiglas gefertigte Skulptur bietet über ihren terrassenartigen Aufbau Einblicke in ein Luxusapartmenthaus. Sowohl die Form des Architekturmodells als auch die Aufnahmen aus den Innenräumen erinnern an die zahlreichen Hochhäuser, wie sie heute sowohl in Dubai, New York oder der Hamburger Hafencity zu finden sind. Die Gestaltung – losgelöst vom konkreten historischen oder regionalen Kontext – ist austauschbar, global verbreitet und spiegelt an allen möglichen Standorten die gleichen Debatten wieder. Die vorwiegend als Eigentumswohnungen geplanten Luxuswohnungen richten sich an einen exklusiven Kundenkreis: eine Zielgruppe, die zwischen den Städten und den Kontinenten pendelt und in gated communities bewacht und voll verpflegt wird. Das begleitende Plakat – eine Mischung zwischen Filmposter und Werbefläche – erzählt mit blumigen Drehbuchformulierungen den Beginn einer fiktiven Geschichte, angesiedelt zwischen Traum und Alptraum. Die Verheißungen des „Neuen Wohnens“ werden in eine surreal anmutende Szenerie verpackt, die sich möglicherweise in ihr Gegenteil verwandeln könnte. Doch noch träumt es sich sehr gut in den luxuriösen Apartmenthäusern der Metropolen. Doch immer öfter stößt diese Entwicklung auf gesellschaftliche Kritik. Unter dem Schlagwort der Gentrifizierung werden die Auswirkungen auf die Mietpreise, der Rückgang von Mietwohnungen und die soziale Zusammensetzung von Stadtteilen diskutiert. Die transparente Oberfläche des Architekturmodells gibt den Blick frei auf die dahinterstehende Projektion. Dadurch wird nicht nur eine räumliche Verbindung hergestellt, sondern auch ein mögliches Zukunftsszenario angedeutet.

Beate Anspach