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Das Dokfest-Archiv beinhaltet Online-Programminformationen ab dem 12. Kasseler Dokfest

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Die Mauer – Der Vertikale Horizont: Die Eroberung des Todesstreifens. Segment 1: SO36

Rotraut Pape
15 Monitore, 15 Flash-Player, 2 Lautsprecher, Verstärker, 25 Min.
Berlin 1989-2009


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Zu unseren alltäglichen Erfahrungen im Leben gehört es, dass wir die Wege im Stadtraum, die wir gehen, wiederholen. Wer denkt schon nach über den jeden Morgen eingeschlagenen Weg zur Arbeit oder den Gang von der Wohnung in den Supermarkt. Diese regelmäßig von uns eingeschlagenen Pfade streifen wir traumwandlerisch entlang. Wir kennen jeden Stein, jede Unebenheit im Asphalt auf dieser Strecke, ohne dass sie uns im eigentlichenSinne bewusst werden. Veränderungen, die sich am Rande ergeben, kleine Ausbesserungen des Straßenbelages, das Verschwinden eines verwahrlosten Pflanztroges oder ein in einer Baulücke neu errichtetes Haus ziehen nur kurzzeitig unsere Aufmerksamkeit auf sich, oder unseren Ärger, wenn uns durch eine Baustelle der gewohnte Weg versperrt wird. Doch gliedern sich diese Neuerungen schnell ein in die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns durch die Straße bewegen. Auf diese Weise entsteht in unserem Kopf eine Art zeitlicher Schichtung. Neben die Wahrnehmung des Stadtraums, wie er sich uns heute zeigt, tritt neben unsere aktuelle Wahrnehmung, meist kaum bewusst, die Erinnerung an jedes einzelne Bild der Vergangenheit. Bestimmte Ereignisse oder Eindrücke legen sich aufgrund ihrer Intensität über andere. Emotionen, die besonders stark waren, verfärben heute noch die Selbstbefindlichkeit an diesen Orten. Je nach der jetzigen Einstellung, mit der ich mich auf den Weg mache, kommen mir entsprechende Gedanken und Erinnerungen. Warum nur muss ich im Moment, da mir ein Mann an dieser Stelle begegnet, an eine Frau denken, die mir vor Monaten hier begegnet ist?

Das Medium Video ermöglicht es, diese Bewegungen durch den Stadtraum festzuhalten. Der Spaziergang entlang einer bestimmten Strecke bekommt durch den Fokus der Kamera eine bildhaft nachvollziehbare Form. Stellt man nun die wiederholt mit der Kamera abgeschrittene Strecke in ihren Videobildern nebeneinander, so öffnet sich eine Art zeitlicher Schichtung. Der linearen, horizontalen Kontinuität der Wahrnehmung des Weges tritt ein vertikaler Schnitt in der Zeit zur Seite. Er offenbart Stillstand wie auch Veränderung. Die Wiedererkennbarkeit einer Strecke mit Straßenlaternen, Bänken oder Kreuzungen ermöglicht es überhaupt erst, Stellen als fremd geworden zu begreifen. Dass ein solcher Ort anders geworden ist, wird uns über seine Einbettung in seinen Umraum deutlich.

Die Kontinuität städtischer Strukturen und ihr Umbau nach den Anforderungen der politischen Systeme oder den Bedürfnissen der Bewohner dieser Städte zeigen sich insbesondere im Fall der Berliner Mauer. Es dürfte wenige Städte gegeben haben, die ihr eigenes Bild so grundlegend hinterfragen mussten, als es für Berlin unter den geänderten politischen Bedingungen nach 1989 galt.

Rotraut Pape, die fünf Jahre vor dem Bau der Mauer in Berlin geboren wurde und dort aufgewachsen ist, hat in den letzten zwanzig Jahren immer wieder diesen Weg durch die Innenstadt verfolgt, an dem die Beharrlichkeit historischer Spuren oder ihr Potential für eine Neuentdeckung lange unzugänglicher Zonen, wie dem Todesstreifen, besonders sichtbar wird.

Holger Birkholz