Rites of Passage
Julika Rudelius
2 Video-Projektoren, 2 HD-Player, 6 Lautsprecher, 3 Verstärker, 14 Min.
New York 2008
Traditionelle Interieurs politischer Hinterzimmer ausgestattet mit Attributen der Macht bilden die Kulisse für Julika Rudelius’ Zwei-Kanal-Videoinstallation „Rites of Passage“. In einer Art Doppelportrait entfalten sich Einzelgespräche
zwischen routinierten Politkern und jungen Eliteabsolventen, die um das Thema des „Charismatic Leadership“ kreisen. Die Emporstrebenden werden auf ihre Bewerbung bei der amerikanischen Regierung vorbereitet und müssen in einer Gesprächssituation all jene Charakteristika nachzeichnen, die einen „charismatic leader“ ausmachen. „I think what you really want to do is to include people into a dialogue. I want to be that kind of leader who loves to answer questions, to bring people into the public forum. (…) I think that what people really appreciate in Politics is honesty. (…) Don’t get people false hope.“ Eine derartige Aussage könnte zunächst tatsächlich charismatisch, vielleicht sogar einmalig erscheinen. Doch wird sie im nächsten Moment von einem ganz anderen jungen Mann wiederholt, so entlarvt es die Doppelprojektion in ihrer Gegenüberstellung, und verliert somit endgültig an hoffnungsvoller Authentizität und Einzigartigkeit.
Der Redundanz solcher Phrasen, ihrer Verwendung innerhalb politischer Settings und dem Ausloten von Machtmechanismen gilt jedoch nicht das alleinige Augenmerk in „Rites of Passage“. Der öffentlich-politischen Dimension dieses Themas setzt Julika Rudelius den Aspekt des Intimen entgegen, indem sie die Beziehung zwischen Mentor und Praktikant beobachtet und gleichzeitig in ihrer Bedeutung offen lässt. Die atmosphärisch aufgeladenen Bilder – begleitet von klassischer Klaviermusik – zeigen kleine, uneindeutige Gesten und Berührungen, verfolgen Sprechpausen, die eine unbehagliche Spannung erzeugen und unterstreichen durch ihre dichte Kameraführung eine gewisse Nähe. Beim Betrachter stellt sich ein irritierendes und gleichzeitig unruhiges Gefühl der Zweideutigkeit ein. Das Oszillieren zwischen Ehrfurcht und Erotik, die der Beziehung zwischen Mentor und Lehrling zu Grunde liegt, deutet zugleich das Moment des Erotischen von Macht allgemein an, dem sich nur Wenige entziehen können.
Das Gefühl des Ambivalenten entfaltet sich zudem auf einer ganz anderen Ebene. Die Frage nach dem dokumentarischen Gehalt der rezipierten Bilder erzeugt eine gewisse Perplexität.
Sind wir als Betrachter dieser Arbeit eigentlich Zeugen eines so stattgefundenen Geschehens, oder handelt es sich hierbei um reine Fiktion? Die teils stark inszeniert wirkenden Dialoge unterstreichen den theatralischen Charakter der traditionellen Interieurs. Gleichzeitig scheinen die Inhalte und ihre Darbietung so dermaßen plausibel, dass wir letztlich in einem Gefühl der Unentschiedenheit verharren. Genau dieses Changieren zwischen vermeintlicher Authentizität und Inszenierung ist vielleicht eine gelungene Allegorie, um bestimmte medienspezifi sche und politische Fragestellungen anzustoßen.
Polina Stroganova
