Wie ich lernte den großen Augenblick der Erkenntnis durch ein schlichtes Ach so! aufzuwerten
David Sarno
Monitor, Kamera, Computer, Scheinwerfer
Offenbach 2008
In der Geschichte der Videokunst spielen Closed-Circuit-Installationen eine besondere Rolle als Positionsbestimmung des Künstlers, zur Reflexion des Betrachterstandpunktes oder als Frage nach den technischen Möglichkeiten. Bereits seit Ende der sechziger Jahre werden so Bilder, die das Geschehen vor einem Bildschirm aufnehmen, von einer Kamera aufgezeichnet und
gleichzeitig auf dem Monitor gezeigt. Anfang der siebziger Jahre befasst sich auch Dan Graham mit diesem Prinzip und bereichert es um eine Reihe von Möglichkeiten. Dabei nutzt er unter anderem die zeitliche Verzögerung. Die vor der Kamera ausgeführte Bewegung eines Betrachters erscheint zeitlich versetzt auf dem Monitorbild und macht die technische Umsetzung des Bildes deutlich. Zudem setzt er Bilder in eine zeitliche Folge, indem er den Betrachter in den Zwischenraum zweier mit Verzögerung bespielter Bildschirme stellt und so eine Art zeitlichen Tunnels mit entsprechender Vervielfältigung des Zuschauers entstehen lässt. Desweiteren stellt er Monitore gegenüber, so dass der eine wiedergibt, was sich direkt vor ihm abspielt, und der andere zeigt, was sich im Ausstellungsraum nebenan vor weiteren zwei, in gleicher Weise verschalteten Monitoren ereignet. Dabei erlebt sich der Zuschauer immer als Protagonist der Medieninstallation. Er wird zum Handelnden, der seine Aktivitäten beobachtet sieht. Die Anordnung der technischen Mittel bestimmt die Reflexion der Selbstwahrnehmung, körperlich im Raum, oder kritisch in seiner Abhängigkeit von der entsprechenden kunstvermittelnden Institution.
Auch bei der Installation, die David Sarno in Zusammenarbeit mit Tobias Hermann realisiert hat, muss sich der Betrachter fragen lassen, was seine Position vor dem wiedergegebenen Bild ausmacht. Ihr Aufbau entspricht dem einer Closed-Circuit-Installation. Die Kamera erfasst Menschen vor dem Monitor, die sich darauf betrachten. Nur ergibt sich bei Sarno das Problem, dass nicht jede Person im Videobild erscheint. In der Filmgeschichte wäre eine derartige Abwesenheit von Personen in einem Spiegel vor allem unheimlich für diejenigen, deren Konterfei sichtbar wird. In Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ erscheinen nur lebendige Menschen gespiegelt, ihre untoten Wiedergänger nicht. So zeigen sich im bunten Ballgetümmel die drei einzigen Lebenden plötzlich einsam und verlassen in einem großen alten Spiegel. Dieser Umstand verweist auf die reine Abbildhaftigkeit der Figuren im Film gegenüber der körperlichen Präsenz derjenigen, die sich den Film anschauen.
Dass ausgerechnet ich im Spiegel nicht erscheine, entzieht mir den Boden. Warum bin ich dort nicht zu sehen? Vielleicht ist es tröstlich, dass ich nicht der Einzige bin, manch anderer Betrachter erscheint auch nicht. An die Bemerkung einer solchen Differenz mag sich die Reflexion über technische Möglichkeiten anschließen: eine Bildbearbeitung durch den Computer, die einzelne Betrachter aus dem Bild ausblendet, bevor es auf dem Monitor erscheint. Komplexe, digitale Formen der Bildgenerierung wären hier denkbar, stattdessen ist der Effekt ein einfacher Schauspieltrick, die Installation kein geschlossener Kreis, sondern ein vorproduziertes Video – das erklärt zwar technisch die Abwesenheit von Betrachtern, löst aber nicht deren Problem.
Holger Birkholz
