SORRY - Stefan Panhans
Video-Projektor, Computer, Verstärker, 4 Lautsprecher (8:08 Min.)
Hamburg 2010
Jeder hat das schon erlebt: Freitagnachmittag in der Ferienzeit oder vor einem Bundesligaspiel in einem Großraumabteil eines Hochgeschwindigkeitszugs. Vollgestopfte Ablagefächer, mit riesigen Koffern verstellte Gänge, hilflose Menschen auf der Suche nach ihren irgendwo reservierten Plätzen, kein Durchkommen und gestresste Mitreisende. Nicht selten führt das zu tumultartigen Zuständen. So ähnlich muss es Stefan Panhans sicher auch schon oft ergangen sein, seine Arbeit „SORRY“ ähnelt jedenfalls diesem Setting. Mit einigen Unterschieden allerdings: In dem Video drängeln sich Stars und Sternchen der Boulevardmedien in Form von mehr oder minder gelungenen Look-Alikes durch den Gang eines ICE-Abteils. Daneben tauchen aber auch unbekannte Menschen (oder erkennen wir sie nur nicht als V.I.P.s ?), schwer bewaffnete Polizei-Einsatzkommandos, Soldaten aus früheren Epochen, ein Zombie im Jogginganzug oder eine Frau im Originaldirndl aus den 1930er Jahren auf. Eine merkwürdige Ansammlung von Personen hat sich dort zu einer Reise mit scheinbar gleichem Ziel zusammengefunden. Die statische Kameraeinstellung zeigt nur einen begrenzten Bildausschnitt, der sich durch seine detailgetreue und requisitenreiche Ausstattung auszeichnet und ein tableau vivant entwirft. So wenig vielleicht diese Doppelgänger von Jonathan Meese, Amy Winehouse oder etwa Brad Pitt und Karl Lagerfeld ihren Vorbildern gleichen, so eindeutig sind sie durch besonders hervorgehobene Merkmale als solche erkennbar. Sie passen alle gut auf Provinz-Werbe-Events, auf denen sie sich mühsam ihr Geld als B- und C-Klasse Look-Alikes verdienen, um sich dann abends müde durch Züge nach Hause zu drängeln. In diesem Falle sind durch Panhans traumartig verdichtete Szenerie alle in einem Wagon zusammengekommen. Einem scheinbar unbekannten Ritual folgend, ziehen sie in einer immerwährenden Schleife – bepackt mit merkwürdigen Utensilien, die zu einem guten Teil an letzte Reste einer Warenhausplünderung erinnern, zahlreichen Decken und noch mehr Coffee-to-Go-Bechern, Würsten, Kotflügeln, vollgestopften Plastiktüten, etc. – aneinander vorbei, rempeln sich an und ertragen alles in abgekämpft schweigender Haltung. Der eigens für das Video komponierte minimale Soundtrack erzeugt eine sogartige Wirkung und vertieft gleichzeitig die der Szenerie unterliegende (An)Spannung, die sich – wenn überhaupt – dann nur in dem einzigen gesprochenen Wort „Sorry“ entlädt, welches eines der beiden Johnny Depp-Doubles dem Bill Kaulitz-Doppelgänger gegen Ende der ca. achtminütigen Szene zuraunt, als er ihm versehentlich auf den Fuß tritt. Es ist eine absurde Situation, die sich vor dem Auge des Betrachters ausbreitet und Alltagserlebnis mit Fiktion zu einem grotesken Schauspiel mit besonderer Sogkraft verdichtet. Trotz der deutlich sichtbaren Inszenierung stellt sich auf mehreren Ebenen sofort ein Bezug zu den eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen einer von Bildern und Theatralität immer stärker durchsetzten Realität her.
(Beate Anspach)
