The Tenth Sentiment - Ryota Kuwakubo
Modelleisenbahn, Punktlichtquelle, Alltagsgegenstände
Tokio 2010
Die raumgreifende Installation „The Tenth Sentiment“ des japanischen Künstlers Ryota Kuwakubo setzt sich aus zwei unterschiedlichen Ebenen zusammen: die gegenständliche und die projizierte. In einem dunklen Raum fährt eine kleine Modelleisenbahn in langsamem Tempo über die Eisenbahnstrecke, die auf dem Boden aufgebaut ist. Die Lok ist mit einer starken Punktlichtquelle ausgestattet und bewegt sich durch die arrangierte Landschaft, die aus alltäglichen Gegenständen besteht: Buntstifte, umgestülpte Mülleimer, Abtropfsiebe, Massagebälle, Spielzeugfiguren. Sie werden zum Leben erweckt und werfen beeindruckende Schatten an die Ausstellungswände. Am Streckenende angekommen, kehrt der Zug in doppelter Geschwindigkeit zu seinem Ausgangspunkt zurück, um von dort wieder seine Reise durch die fantastische Welt zu beginnen. Der Betrachter hat die Möglichkeit sich auf die gegenständliche und maschinelle Perspektive zu konzentrieren und den Installationsaufbau zu fassen. Gleichzeitig kann er das Licht- und Schattenspiel an den Raumwänden verfolgen. Die Objekte sind dann nicht mehr Gebrauchsgegenstände, sondern werden zu monumentalen, urban anmutenden Landschaften. Sie wirken viel größer und mächtiger als sie es in Wirklichkeit sind und entwickeln in ihrem Schattenspiel eine besondere und überraschende Ästhetik. Es sind bewegte Scherenschnitte, die unabhängig von ihrer realen Gestalt eine zweite Wahrnehmungsebene entwickeln. Was ist Schein, was ist Sein? Der Betrachter findet sich in Platons Höhle wieder. Die Schatten an der Wand als sinnlich wahrnehmbare Welt sind in Wahrheit nur Abbilder des wirklich Seienden. Kuwakubo gibt uns im Sinne von Platons Ideenlehre die Möglichkeit, den ideellen Ursprung dieser Bilderwelt zu erkennen und auf das zu blicken, was hinter der unmittelbaren Wahrnehmung steht. Kuwakubo spielt mit den Parametern Licht, Objekt, Raum und Zeit. Mit einem simplen Mechanismus schafft er es, einprägsame Bilder und Eindrücke entstehen zu lassen, die uns auf diese traumartige Zugreise mitnehmen.
(Miriam Bettin)