Subjektive Orte
Freitag 11.11.2011 / 20:00 h / BALi Kinos
Was ein Ort ist, sieht man ihm meist nicht sofort an. Eine Fußgängerzone, ein Bolzplatz, eine Brücke, eine Tanne in einem Innenhof. Triviale Orte auf den ersten Blick, aber wenn uns jemand eine Geschichte zu ihnen erzählt, dann verwandeln sie sich vor unseren Augen, bekommen Charakter und werden komplex. Zwischen Dakar und Grönland zeigen uns die Filme dieses Programms Orte aus der Subjektive einer persönlichen Geschichte. Sie spielen mit dem Kontrast zwischen dem, was man sieht, und dem, was man hört, und verführen uns damit zur Neugier auf das Leben aus einem anderen Blick.
SUSYA
Ein junger Palästinenser besucht gemeinsam mit seinem Vater das Dorf seiner Kindheit. Sie müssen dafür Tickets kaufen, denn Susya ist kein Dorf mehr, sondern ein Freilichtmuseum. Kommentarlos folgt die Kamera den beiden durch die „Ruinen“ einer jahrtausendealten jüdischen Siedlungsgeschichte, in denen sie vor 25 Jahren noch gelebt haben. Was wohl als stumme Anklage gedacht war, wird vor laufender Kamera zu einer bitteren Groteske, als Vater und Sohn ein weiteres Mal vertrieben werden.
ECHOES
In einer dramatisch schönen Landschaft liegen wie kosmischer Abfall die Überreste einer US-Militärbasis. Der Kalte Krieg hat auch in Grönland Spuren hinterlassen, aber nicht alle sind so sichtbar wie diese. Anna Kuitses Geschichte handelt von tieferen Spuren, von Gewalt, Emigration und Rückkehr und von einer großen Liebe, die ihr der Kalte Krieg auch noch eingebracht hat. Wie der Titel andeutet, findet die Spurensuche in ECHOES auch auf der Tonspur statt. Nicht nur weil Anna die musikalischen Traditionen Grönlands bewahrt, sondern weil Geräusche, Worte und Musik ebensolche Archive sind wie die Landschaft und das Gedächtnis.
Home and away
Drei junge Menschen erzählen „ihr“ Istanbul. Sie leben in der Peripherie der Metropole und sprechen über ihr Viertel, das Haus, über Pläne, Wünsche, Langeweile. Es zeichnen sich Elemente der Psychotopographie einer Stadt ab, deren imaginäres Zentrum ebenso ein Sehnsuchtsort ist wie ihr äußerster Rand.
A Paradise Tree
In Litauens Hauptstadt Vilnius entsteht aus einem ehemaligen Industriekomplex ein neues Künstler- und Kreativenviertel. Noch ist davon nicht viel zu sehen, aber einen Namen gibt es schon: SoHo. Diese assoziative Spur führt nach New York und zu einem Film von Jonas Mekas, „A Walk“ (1990), den dieser „seinem“ SoHo gewidmet hat. Wie ein weitgereister Wind treibt uns die Erzählung des Exil-Litauers Mekas durch das nüchterne Areal in Vilnius.
Laar
Langsam schwenkt die Kamera über sieben Fußballplätze in den Außenbezirken von Dakar. Sieben mal 180 Grad Alltag in der westafrikanischen Metropole. Dabei verstünden wir wenig, wenn uns nicht ein Ortskundiger über die Schulter schaute und uns erzählte, was wir nicht wissen: eine Rauchsäule kündet von der Müllverbrennung, ein Teich erinnert an die letzte Flut, ein Graffiti an die letzten Wahlen. Selbst die Tore, die das Spielfeld markieren, würden wir wohl kaum erkennen. „Laar!“ heißt „Schau!“, aber manchmal braucht es eben vier Augen, um zu sehen.
The High Level Bridge
Kann man eine Stadt von einer Brücke aus verstehen? Trevor Anderson portraitiert jedenfalls nicht nur eine Brücke, sondern rührt an das Unterbewusste und Verdrängte seiner Heimatstadt Edmonton. Jeder dort weiß, dass die High Level Bridge eine „Selbstmörderbrücke“ ist und dass der Fluss darunter mehr gesehen hat, als je ein Film wird zeigen können.