Home of the Free
Mittwoch 9.11.2011 / 12:45 h / Filmladen
Kaum ein Mythos hat so hartnäckig die Jahrhunderte überlebt, wie der, dass die Vereinigten Staaten von Amerika das Reich der Freiheit seien. An Mythen sollte man ab und zu kratzen, um zu schauen, was dahinter steht. In ihren eigenen Familiengeschichten finden die Filmemacherinnen Deanna Bowen und Minda Martin die Schattenseiten im Land der Freiheit: Sklaverei und Rassismus, der Landraub an den Ureinwohnern und die Rastlosigkeit der Mittellosen und Tagelöhner, die wie Flüchtlinge durch ihr Heimatland irren. Beide Geschichten beginnen um 1800 und keine der beiden ist abgeschlossen.
sum of the parts: what can be named
Deanna Bowen hat ihren Familienstammbaum zurückverfolgt bis an den Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Fakten aus dieser Zeit sind spärlich. Nicht nur, weil es so lange her ist, sondern auch, weil schwarze Amerikaner damals kaum Bürgerrechte hatten und deswegen in den Büchern selten auftauchen. Deanna Bowen steht vor einer schwarzen Leinwand und legt Bericht ab von den Ergebnissen ihrer Recherche. Ohne Bilder, mit ihrem Körper als einzigem Begleiter, gestützt auf Aktenvermerke, Gerüchte und eigene Erinnerungen erzählt sie ihre Geschichte, die auch die Geschichte Amerikas ist: eine Geschichte der Sklaverei und der rassistischen Ausgrenzung, später eine der vagen Hoffnungen, aber auch immer wieder der Flucht und schließlich des Exils nach Kanada. Je näher die Erzählung der Gegenwart kommt, desto detailreicher wird sie. Eine Erfolgsgeschichte wird sie dadurch aber nicht. Die Wunden sind vernarbt, aber nicht verschwunden.
Free Land
Die Kindheit der Filmemacherin war geprägt von häufigem Umziehen, dem Alkoholismus der Mutter und den verzweifelten Versuchen des Vaters, der Familie ein Auskommen zu sichern. Ein einziges Mal besaß die Familie ein Stück Land, ein „Free Land“, das dem Vater als Kriegsveteran geschenkt wurde. Aber er hatte die Mittel nicht, es zu bewirtschaften und verkaufte es wieder. Als sich auch in ihrem eigenen Leben die Muster des Scheiterns und der Unrast bemerkbar machen, begibt sich Minda Martin auf die Suche nach den Ursachen. Mit ihrem Vater und ihrer Tante als Hinweisgeber trifft sie in den Archiven auf weitere Verwandte, auf eine Ur-Urgroßmutter mit zwei Namen und auf Vorfahren, die nach den Präsidenten benannt waren, um ihre Cherokee-Herkunft zu kaschieren. Sie folgt dem indianischen Zweig ihrer Familie zurück bis an den Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Cherokee von ihrem Land vertrieben wurden, weil man dort Gold vermutete. Wie eine Urschuld steht der Landraub an den Ureinwohnern bis heute in der amerikanischen Geschichte, nicht nur weil die einen den anderen ihr Land wegnahmen, sondern weil damit alles Land zu Eigentum erklärt wurde. „Free Land“ war bereits geraubtes Land. Wer aber kein Land besaß, hatte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kein sicheres Zuhause mehr und daran hat sich bis heute wenig geändert. FREE LAND ist eine Geisterbeschwörung ebenso sehr wie eine nüchterne Analyse. Die Arbeit an dem Film war ein Befreiungsschlag und man spürt in jedem Bild, in jedem Schnitt die Wucht dieses Schlags und die Freiheit, um die es geht.