Desorientierung
Sonntag 13.11.2011 / 13:15 h / Filmladen
Man sagt, dass Reisen bildet. Jedenfalls verändert es einen, es sät Zweifel, verdreht die Sicht und oft verwirrt einen das Reisen auch gründlich. Vor allem dann, wenn es nicht ganz freiwillig geschieht, und richtiger als „Emigration“ oder „Flucht“ zu bezeichnen wäre. Die Filme dieses Programms erzählen von den Irritationen eines neuen Ortes, an dem man nicht findet, was man gesucht hat und obendrein oft das Gefühl hat, sich selbst zu verlieren. Aber es passiert auch, dass man etwas findet, das einem besser gefällt, als das, was man aufgegeben hat.
No Country for Young Man
Sadaf Javdani gehört zu einer Generation von Iranern, die – wenn sie es sich leisten können – im Ausland studieren. Aber man studiert ja nicht nur im Ausland, man lernt, verändert sich, und ahnt schon bald, dass man nicht mehr zurückkehren wird. Die Filmemacherin hat ihren eigenen Freundeskreis befragt, um diesem Gefühl nachzuspüren: sich in der Heimat fremd zu fühlen und in der Fremde nicht heimisch zu werden. Ein Generationenporträt, das konsequenterweise mit handlicher Kamera und Skype entstanden ist, weil die Generation, um die es geht, in alle Welt zerstreut ist.
Tao m'a dit...
Beflügelt (oder beschwert?) von der Lektüre des „Daodejing“ von Lao-Tse reist Léo Médard nach Peking. Er will mit eigenen Augen sehen, wovon das Buch ihm sprach. Es verwundert wohl nicht, dass er keine Bilder findet, die ihm den Taoismus erklären. Aber täuschen wir uns nicht. Während der erratischen Suche in der Großstadt setzt sich Bild für Bild ein Film zusammen, der am Ende vielleicht doch ein taoistisches Bravourstück ist.
Through the Doorways of Dream
Man sagt, die Seele reise langsamer als der Körper. Das nennt man „Jetlag“. Dieser kurze Film ist wie ein Jetlag, der bleibt. Etwas ragt herüber aus der Vergangenheit und schiebt sich zwischen Traum und Aufwachen, zwischen Abreise und Ankunft.
Tokyo - Ebisu
Wir sehen zehn Bahnhöfe der Linie Yamanote, gleichzeitig. Die Ton-Bild-Collage verteilt den Loop der Tokioter Ringbahn auf die Fläche der Leinwand und spielt dabei mit widersprüchlichen Assoziationen von Stadt: die Ordnung des Bildrahmens füllt sich mit dem Chaos der Bahnsteige, die Vielfalt der Einzelbilder tendiert zur Ununterscheidbarkeit, die Komposition kippt in die Kakophonie.
Non si può nulla contro il vento
Auf nichts ist Verlass, nicht mal auf die Landschaft. Felder, Hecken und Bäume verschieben sich gegen den Horizont, als seien sie bloß Kulissen. Alles ist relativ – aber relativ wozu?
Rihla
Es beginnt unter der Kuppel einer Moschee, mit den Formen des „Orients“, die sich zu drehen beginnen wie ein Simulakrum. Ein Mann erzählt von einer Reise, seiner Reise, anderen Reisen aus früheren Zeiten. Die Bilder verändern sich dabei, wie sich die Welt verändert. Die Welt des Erzählers, der aber nie anzukommen scheint, oder der in dem neuen Ort nicht das Ziel der Reise erkennt. Ist es ein Modell, ein Lager, oder ist es einfach nur Holland? Ist das Europa?
Flocking
Vögel nehmen den Himmel ein, bilden schwarze Wolken, wirbeln zu Tausenden, und bleiben doch eine einzige Form. Urinstinkt oder Disziplin? Oder Computeranimation? Man kann sich nicht satt sehen und irgendwann weiß man nicht mehr, was man sieht, und wer hier wen beobachtet. Die Vögel lassen sich in den Bäumen nieder und Spezialisten in Laboranzügen beziehen Stellung. Ein Optimist, wer da nicht an Hitchcock denkt.