Juwelen des Dokumentarfilms
Hommage an den großen niederländischen Filmpoeten Bert Haanstra (1916-1997)
Mittwoch, 18. November, 19.30 Uhr

Im Oktober 1997 starb einer der großen niederländischen Filmemacher: Bert Haanstra. Anlaß für uns, zur Eröffnung des Filmprogramms des diesjährigen Kasseler Dokumentarfilm- und Videofestes einige seiner dokumentarischen Meisterwerke dem Kasseler Publikum vorzustellen.
Für seine etwa 25 Dokumentar- und Spielfilme erhielt Haanstra fast alle nationalen und internationalen Filmauszeichnungen - darunter 1951 für »Spiegel von Holland« den Grand Prix in Cannes und 1959 für »Glas« den Oscar sowie den Großen Preis der Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen.
In den 50er Jahren wurde Haanstra zur führenden Persönlichkeit der niederländischen Dokumentarfilmschule, die - mit viel Gefühl für visuelle Lyrik und einen großen Sinn für Humor - die Landschaft, die Geschichte und den Wiederaufbau des Landes schilderte.
»(...) Dokumentarfilme von Bert Haanstra sind eher fröhlich als verbiestert, gerade wenn er sein Thema ernst nimmt. Sie informieren und unterhalten, sind also lehrreich auf eine angenehme Art; und wo die Bilder erläutern, bedarf es keiner zusätzlichen Erklärung: Haanstra war einer der ersten, die auf Kommentare und wortreiche Erläuterungen zugunsten von Bild und Ton verzichteten, und der deshalb Originaltöne und Untermalung ganz besonders intensiv einsetzte (...).« (M. Dammeyer)

Spiegel von Holland
Niederlande 1950
Regie/Buch/Schnitt: Bert Haanstra
Musik: Max Vredenburg, s/w, 11 Min.
Haanstras zweiter Film war eine echte Sensation. Der Regisseur zeigte sein Land im Spiegelbild der Kanäle. Mühlen, Häuser, weidende Kühe, Leierkastenmänner, das alles steht - schlicht gesagt - auf dem Kopf, ist in den vibrierenden, vergänglichen, vom Hauch des Windes bewegten Wellen zu betrachten. Diese phantastische Reise durch das jedem Betrachter vertraute Land, das sich in so ungewohnter Gestalt darbot, wurde nur von Musik begleitet. »Spiegel von Holland« begeisterte 1951 die Jury in Cannes, und einstimmig ging der Grand Prix an den damals noch unbekannten holländischen Regisseur.

Panta Rhei (Alles fließt)
Niederlande 1952
Regie/Buch/Schnitt: Bert Haanstra
Musik: Max Vredenburg, s/w, 11 Min.
Ausgangspunkt ist Heraklits philosophischer Grundsatz, daß alles fließt, unaufhörlich in Bewegung ist. Der Film zeigt die sich ständig verändernde Natur: Wasser, Pflanzen, Blumen, Vögel, aber auch Kristalle, die unterschiedliche Gestalt annehmen. Mit Zeitlupen- und Zeitrafferaufnahmen erreichte er ungewöhnliche Effekte. Er offenbart den Mechanismus des Wirkens der uns umgebenden Natur. Er veranlaßt den Betrachter, das, was ihm vertraut ist, aus einer anderen, ihm bisher unbekannten Perspektive zu sehen. »Panta Rhei« ist die Vision eines Malers und Poeten. Der Film verzichtet auf einen Kommentar. Die Wahrnehmung wird lediglich von Musik unterstützt und bereichert.


Rembrandt, Maler des Menschen
Niederlande 1956
Regie/Buch/Schnitt: Bert Haanstra
Kamera: Stanley Sayer, Kommentar: Max Dendermonde, Farbe, 20 Min.



Vom Bildermachen erzählt dieser Film. Er ist eine der besten kurzen Kunstdokumentationen, die jemals produziert wurden. Film und bildende Kunst verschmelzen hier völlig harmonisch. Das Leben und Werk dieses großen Malers wird anhand seiner Gemälde zusammengefaßt nacherzählt. Die berühmte Serie der Selbstportraits, mit denen der Film schließt, ist ein verstörender Höhepunkt und die zugleich erstaunliche Evokation eines tragischen Lebenslaufs.

Glas
Niederlande 1958
Regie/Buch: Bert Haanstra, Schnitt: Bert Haanstra, Ralph Sheldon, Kamera: E. van der
Enden, Musik: Pim Jacobs, Farbe, 10 Min.
Mit »Glas« verblüffte 1958 Haanstra im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Welt. Ein spielerisches Experiment, das zu einem phantastischen Resultat führte, zu einer Vielzahl internationaler Preise (u. a. einem Oscar) sowie zur Verbreitung von mehreren tausend Kopien auf der ganzen Welt. Thema ist die kunsthandwerkliche und industrielle Glasherstellung, wobei es Haanstra ohne Kommentar sondern allein mit überaus einfallsreichen Szenenfolgen und Schnitten gelingt, den Menschen in den Mittelpunkt seiner eindrucksvollen Bilderzählung zu stellen. Höhepunkt des Films ist jene Sequenz, in der Haanstra mit sparsamen Mitteln und feinem Humor blitzartig die Grenzen der Automation deutlich macht. Unumstritten ein Meilenstein und ein audiovisuelles Meisterwerk. A joy forever ...


Zoo

Niederlande 1961-62
Regie/Buch/Schnitt: Bert Haanstra
Kamera: Fred Tammes
Musik: Pim Jacobs
s/w, 12 Min.



»Zoo« ist eine originelle Begegnung zwischen Mensch und Tier, die wie ein kleiner Scherz daherkommt, realiter jedoch, speziell durch die makellose Montage, eine feinsinnig-interpretative Annäherung an eine andere Wirklichkeit ist: die des Künstlers. Ein bezeichnender Wendepunkt im Schaffen Haanstras: seine erste gelungene Arbeit mit einer verborgenen Kamera und somit der Wegbereiter für seinen feuilletonistischen Dokumentarfilm »Alleman« (Jedermann), 1963, der 1965 eine Oscar-Nominierung erhielt.