Vom 18. - 22. November 1998 feiert das Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest mit seiner 15. Ausgabe Jubiläum.
1982 vom Filmladen als reines Dokumentarfilmfest konzipiert, hat es sich im Laufe seiner Geschichte gemeinsam mit der Medienlandschaft weiterentwickelt und eine erhebliche Ausweitung erfahren. Durch die Einführung der Videosektion 1989 und der Veranstaltungsreihe interfiction im Jahr 1995 wurde den neuen Medien Video und Internet eine Plattform gegeben.

Im Jubiläumsjahr stellen wir mit Freude fest, daß die nationale und internationale Anerkennung unseres Festes stetig gestiegen ist. Mit ca. 900 für die Auswahl eingereichten Arbeiten ist deren Zahl so hoch wie noch nie.
An fünf Tagen werden im Filmladen in 18 Veranstaltungen 30 Filme zur Aufführung kommen. Die Videosektion im Kulturhaus Dock 4 präsentiert in 21 Programmblöcken über 100 Videos, darunter zahlreiche Erstaufführungen. Zudem wird eine große Zahl der Film- und Videomacher/innen in Kassel zu Gast sein, so daß interessante Diskussionen über die gezeigten Arbeiten erwartet werden.

Die während des Festes präsentierten Programme folgen dem Ziel, unserem Publikum einerseits Einblicke in aktuelle und innovative Arbeiten dokumentarischen Schaffens zu geben und andererseits in den Programmblöcken unterschiedlichste Positionen zu gesellschaftlichen und künstlerischen Themen aufzuzeigen.

Das Filmprogramm im Filmladen schlägt in diesem Jahr mit seinen 30 Beiträgen einen großen filmischen Bogen, beginnend mit einer Hommage an den 1997 verstorbenen niederländischen Filmpoeten Bert Haanstra (u.a. »Spiegel von Holland« Grand Prix 1951 in Cannes; »Glas« Oscar 1958), über eine Reise durch die Köpfe von Menschen mit Verletzungen des Gehirns »Kopfleuchten« von Mischka Popp und Thomas Bergmann, bis hin zu ungewöhnlichen Portraits. In »Binningers Birne« von Andrew Hood wird dem Zuschauer das Leben des Erfinders der ewig brennenden Glühbirne Dieter Binninger näher gebracht. Während Ulrike Franke und Michael Loeken in ihrem informativen und ergreifenden Film über die Schlagersängerin Renate Kern »Und vor mir die Sterne« die Fassaden der Schlagerwelt einreißen.

Mit dem Thema Urbanität setzen sich eine Vielzahl von Filmen und Videos auseinander und beziehen sich damit auf das Jahresschwerpunktthema der Stadt Kassel. Zwangsräumung, Unterdrückung alternativer Lebensformen und -räume, Verelendung und Stigmatisierung ganzer Stadtteile, Privatisierung des öffentlichen Raumes sind nur einige der Themen, die die AutorInnen aufgreifen und auf ihre jeweils eigene Art problematisieren bzw. sichtbar machen.
»De l'autre Côté du Périph'« von Nils und Bertrand Tavernier und »Der Traum der bleibt« von Leopold Lummerstorfer porträtieren das Leben in den Satellitenstädten der Metropolen Paris und Wien. »Über-Lebens-Räume« - das Eröffnungsprogramm der Videosektion - behandelt den menschlichen Existenzkampf als Folge städtischer Verdrängungs- und Ausgrenzungspolitik.
Harald Rumpf zeigt mit Respekt und Sympathie in seiner Langzeitdokumentation »Münchner Freiheit« das harte Leben und Überleben von sechs Stadtstreichern. »Auf der Kippe« von Andrei Schwartz hingegen erzählt von der Roma-Siedlung »Dallas« in Rumänien, deren Bewohner trotz Armut und sozialer Diskriminierung ihre Würde und ihren Humor bewahrt haben.
Zum Abschluß des Festes werfen die Videos »Das aber der Wagenplätze« sowie »Fetzen von Erinnerungen - Geschichte(n) um den Messinghof« einen Blick auf die Kasseler Stadtpolitik und belegen, daß auch in Kassel alternative Wohn- und Lebensformen nur begrenzt realisierbar sind.

Ein Schwerpunkt des diesjährigen Festes widmet sich den Lebensperspektiven Jugendlicher und den sie begleitenden Subkulturen. Gleich drei Videos befassen sich auf unterschiedliche Weise mit der Punkbewegung. Während »Pop Odyssee 2: The House of the Rising Punk« (Realisation: Christoph Dreher, Rotraut Pape), aber auch »Zerrissen« von Uwe Gooß, die Ursprünge und Entwicklung des Punk aus heutiger Sicht nachzeichnen, gibt die Dokumentation »Die APPD - Der legale Arm der Chaostage?« einen unterhaltsamen Einblick in die gegenwärtige Szene und belegt darüber hinaus, wie der subversive und taktische Gebrauch der Medien für Irritation und (Gegen)Öffentlichkeit benutzt werden kann.
Neben dem vergnüglichen Kurzportrait eines jungen Mädchens in »Cuba 15« begleitet der Film »Namibia - Rückkehr in ein neues Land« zwei junge Mädchen, die nach ihrem Exil in der ehemaligen DDR 1990 das jüngste, unabhängige Land Afrikas bereisen. Ein Film voller Hoffnung, daß die junge Generation in Namibia den Rassenhaß überwinden kann.
Mit »Boxen ... und sonst gar nichts« entstand das ambivalente Portrait des 19jährigen Juniorenweltmeisters Jürgen Brahmer: einerseits großes Talent des deutschen Boxsportes, andererseits mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung und Autodiebstahls. Der neue Film von Gerd Kroske »Galera« schildert eine verlorene Generation in den Metropolen Paris, St. Petersburg, Berlin und Rio de Janeiro, die vital und einfallsreich ihrem harten Schicksal trotzt.

Der wa(h)re Wert der Kunst steht im Mittelpunkt von zahlreichen Arbeiten, die das Verhältnis von Kunst, Kultur und Kommerz ausloten. Den radikalsten Ansatz vertrat wohl Guy Debord, dessen filmisches Schaffen in einem Vortrag von Roberto Ohrt erläutert wird. Hermann Vaske versucht, in »The A-Z of Seperating People From Their Money« die Frage zu beantworten, ob nun Werbung Kunst sei oder ob vielmehr der Grundsatz gilt: »I advertise therefore I exist!« Im Gegensatz dazu zeigen die Videos des Programms »Unternehmen Kunst« die auf der Identifikation der Massen mit Kunst und Künstleridealen basierenden Mechanismen des Kunstmarktes und der Kulturindustrie. Das innovative Videokunstschaffen kommt auch in diesem Jahr nicht zu kurz. Das Programm »Panorama« zeigt internationale Highlights, während eine umfassende Werkschau die (Medien)Künstlerin Rotraut Pape würdigt, die vom 6. bis 29. November den Kasseler Kunstverein mit einer Einzelausstellung bespielt.

Telefonische Kartenvorbestellungen sind möglich. Vorbestellte Karten müssen bis spätestens 15 Min. vor Beginn der Vorstellung abgeholt werden. Wir bitten die Dauerkartenbesitzer, sich vor der jeweiligen Film- oder Videovorführung an der Tageskasse eine Einzelkarte abzuholen.
Kartenvorbestellungen für das Videoprogramm sind bis zum 18. November im Filmladen möglich, danach nur noch an der Kasse im Dock 4.
Telefon: 0561 - 739 49 19.
Programmänderungen sind möglich.

Mitglied in der European Coordination of Film Festival E.E.I.G.
Member of the European Coordination of Film Festivals.

Programmkonzeption Film: Sabine Breidenbend, Irmhild Scheuer
Programmkonzeption Video: Wieland Höhne, Verena Kuni, Alexandra Ventura, Gerhard Wissner
Videotechnik: Jens Lange, Georg Scheklinski

Katalog:
Gestaltung:
atelier capra / Holger Ernst (Bildmotiv)
Druck: Grafische Werkstatt von 1980 GmbH, Auflage 5000 Stück
Web-Design: candela2

Gefördert von:
Hessische Filmförderung
Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst
Kulturamt der Stadt Kassel
Kulturhaus Dock 4
Dr. Wolfgang Zippel-Stiftung

Mit freundlicher Unterstützung von:
Arndt & Partner, Berlin
Arts Council, London
atelier capra, Kassel
Bert Haanstra Films, Hilversum
Das Werk, makkS moond, Frankfurt (Trailer Video)
DSL Records, Kassel
Dock 4, Kassel
Europäisches Medienkunstfestival, Osnabrück
FARM-SOUND-audiorent, Kassel (Tontechnik)
Festival de Cine de Huesca
Frankfurter Filmschau
Freies Radio Kassel
Galerie Eigen+Art
Grafische Werkstatt von 1980 GmbH, Kassel
HdK, Berlin
Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR Hessen)
Hessische Staatskanzlei Hessen-media
Hochschulrechenzentrum, Kassel
Internationale Kurzfilmtage, Oberhausen
Kasseler Kunstverein
Kunsthochschule Universität Gh Kassel
LEA, London
Little Bear, Paris
LUX AV, Lohfelden (Videoprojektion)
Micromata, Kassel
MonteVideo, Amsterdam
Rijksvoorlichtingsdienst, Den Haag
SPEX, Köln
Studentisches Projekt »Kunst und Revolution«
Transmedia/Mediopolis, Berlin
Video Data Bank, Chicago
Videonale, Bonn
Werkleitz Gesellschaft e.V., Tornitz
Zentraler Medienbereich, GhK

Dank an:
Christoph Ahrendt, Bernhard Balkenhol, John Burgan, Wilhelm Ditzel, Jörg Drefs, Heinz Emigholz, Knut Gerwers, Marc Gloede, Wolfgang Hacke, Burkhard Hofmann, Ute Hörner, Wolfgang Jung, Helmut Krebs, Holger Kube Ventura, Micky Kwella, Rolf Lobeck, Ursula Panhans-Bühler, Rotraut Pape, Garth Pritchard, Christian Rattemeyer, Ingrid Roberts, Judith Ruzicka, Bettina Steinbrügge, Frank Thöner, João Ventura, Ruth Wagner, Ellen Herold-Witzel, Henry Witzel und allen, die uns beim Zustandekommen der Programme behilflich waren.