Kurt Gerrons Karussell
Mittwoch, 17. November, 19.30 Uhr
Die Regisseurin ist anwesend.



Mit Ovationen für den ersten Interpreten des Mackie-Messer-Songs beginnt 1928 der Siegeszug dieses Liedes um die Welt und ist gleichzeitig der Durchbruch in der Karriere des großen Berliner Entertainers Kurt Gerron.
Er ist der Magier in »Der Blaue Engel«, wirkt in über 70 weiteren Filmen mit, spielt Theater, führt Regie bei den so beliebten, optimistischen UFA-Komödien. Ein Star seiner Zeit, dessen große Liebe dem Kabarett gehört.
Kurt Gerron ist Jude. Er muß emigrieren, wird interniert und deportiert. Im »Prominenten-KZ« Theresienstadt gründete er 1944 sein Kabarett KARUSSELL und drehte gegen das Versprechen, mit dem Leben davonzukommen, den Propagandafilm »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt«. Die Endfertigung des Films übernahmen andere, denn seine Arbeit endete abrupt mit dem Abtransport nach Auschwitz, wo Kurt Gerron kurz darauf, am 15. November 1944, ermordet wurde.
Der Film nähert sich dieser aus dem öffentlichen Bewußtsein verbannten, wichtigen Künstler-Persönlichkeit der zwanziger Jahre durch Zeitzeugenberichte, Spielfilmsequenzen und durch die unsterblichen Chansons, die Gerron prägte und in seinem Kabarett KARUSSELL noch einmal Revue passieren läßt.
In der Interpretation von Ute Lemper, Ben Becker, Max Raabe, Schall & Hauch, Ursula Ofner und Bente Kahan leben die Lieder wieder auf – Evergreens, mit denen Kurt Gerron in Berlin, Paris, Amsterdam und Westerbork große Erfolge feierte.
»Es ist Ilona Ziok hoch anzurechnen, daß sie die Ambivalenzen nicht ausgetrieben hat, die sich einstellen, wenn Kleinkunst im KZ veranstaltet wird, und wenn wir uns über jemanden amüsieren, der vergast worden ist. (...), der Film kommt nahe, sehr nahe. Ist es frivol, wenn man einen ermordeten Unterhaltungskünstler ehrt, indem man ergriffen und unterhalten ist, beides zur selben Zeit? (...) "Ich bin das Nachtgespenst", das ist die Rolle, mit der er lebendig bleibt.« (Dietrich Kuhlbrodt in epd Film 5/99).
»Zioks Dokumentation, reich verschnitten mit Filmmaterial aus dem Dritten Reich, beschreibt mit Gerron zugleich die Nächte in Berlin und dann das taghelle Verbrechen in Theresienstadt. Ein bewegender, authentischer, ein großartiger Film. Keine Fiktion, und käme sie von Spielberg, kann mithalten.« (Thomas Delekat in Die Welt vom 14. Mai 1999)
Der Film ist für die Oskar-Verleihung empfohlen wurden und lief mit großem Erfolg auf dem Telluride-Filmfestival als einer von drei internationalen Dokumentarfilmen.

Deutschland/Niederlande/Tschechien 1999
Buch & Regie: Ilona Ziok
Kamera: Jacek Blawut, Heiko Merten,
Aicke Fricke, Antonin Danhil
Schnitt: Christina Graff, Silke Regele,
Erik Mischijew
Erzähler: Roy Kift
Zeitzeugen: Camilla Spira, Renée St. Cyr, Salle Fischermann, Ivan Fri´c, Paul Kijzer, Coco Schumann u.v.a.
65 Min.