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Grußwort von
Frau Staatsministerin Ruth Wagner

Grußwort von
Stadtrat Thomas-Erik Junge,
Kultur- und Schuldezernent der Stadt Kassel


Vorwort Foreword

Was bedeutet dokumentarisches Schaffen heute –
in einer Zeit, in der die Banalität eines artifiziellen Alltags
zum abendfüllenden Reality-TV-Event umgedeutet wird?
In einer Zeit, in der die Fiktionen Hollywoods politische
Ereignisse vorwegzunehmen scheinen oder gar das
Unmögliche in Szene setzen – das dann doch Möglichkeit,
sogar Realität wird?
Die Suche nach der Realität, die heute mehr denn je hinterfragt
zu werden scheint, mag eine Antwort geben: Das Arbeiten mit
dokumentarischen Aufnahmen vermittelt noch immer das Gefühl von Wirklichkeit –
auch wenn gerade im Bereich des Films und Videos mit der Manipulierbarkeit des
Mediums gespielt wird.

Das 18. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest wird die Frage nach dem Stellenwert des dokumentarischen Schaffens heute nicht endgültig beantworten. Doch es wird einen Ausschnitt aus dem internationalen Arbeiten mit Film und Video zeigen, dessen unterschiedliche Formen vom abendfüllenden Kinofilm bis hin zum Kurzvideo reichen. Aus über 1300 Einreichungen wurden 30 Dokumentarfilme sowie über 125 internationale dokumentarische und künstlerisch-experimentelle Videoarbeiten aus 24 Ländern ausgewählt, die in 43 Programmblöcken präsentiert werden.
Immer wieder wird hierbei das Dokumentarische, das Beobachtende offensichtlich: »Blickwechsel« z.B. führt durch einen Parcours des Sehens, der beginnend bei zufälligen Blicken über voyeuristische Sehnsüchte bis hin zum gezielten Verfolgen reicht. Das Gegenüber wird ins Blickfeld der Beobachtung gezogen – seine Rolle ist nicht zwangsläufig freiwillig gewählt, die Möglichkeit zur Selbstbestimmung wird häufig negiert.
Gerade dies ist jedoch ein zentrales Thema des 18. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofestes. In der aktuellen Auswahl zeichnet sich ein immenses Interesse an Themen zu Politik und Zeitgeschehen ab. Gebündelt zeigt sich dies im Videoprogramm Gegendarstellungen, das die Hintergründe politischer Entscheidungen wie auch die Möglichkeiten einer Bürgerbeteiligung aus der Perspektive der »Ohn-Macht« dokumentiert. Ein Video zeigt die Vorkommnisse des G8-Gipfels 2001 in Genua aus der Sicht der Demonstrierenden. Subversiv und skurril vermittelt Der kleine Lärm den Protest gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens, bei dem ein »Noizemobil« hessischen Landtagsabgeordneten den Schlaf raubt. Ein Road-Dokumentar-Movie, dessen dargestellte Aktion in Nordhessen wegen des umstrittenen Ausbaus des Flughafens Kassel-Calden Schule machen könnte.
Zudem finden sich Bezüge zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen: Where Women are banned berichtet von der Lebenssituation von Frauen im Afghanistan der Taliban; das Phänomen des Terrorismus selbst untersucht Do it: Daniele von Arb war in den 70ern ein international gesuchter Schweizer Topterrorist; heute agiert der ehemalige Revolutionär als Wahrsager. Do it zeichnet die Odyssee von Arbs bis heute nach und verweist dabei auf das Recht zur persönlichen Entwicklung. Diese war Starbuck nicht vergönnt: Holger Meins, von dessen Leben Gerd Conradts Film berichtet, starb 1974 mit 33 Jahren als erstes RAF-Mitglied im Hungerstreik. Die Fragen nach den Ursprüngen und Motivationen von Terroristen erhalten im Kontext von persönlichen Zeitdokumenten eine neue Dimension.
Anderer Ort, andere Geschichte: So jung kommen wir nie wieder zusammen illustriert eine Gruppe von Punks – 10 Jahre später. Ein Generationenportrait, das den Weg vom No-Future-Syndrom bis hin zur ersten Internet-Million nachzeichnet.
Wird hier durch subjektiv gefärbte Erzählungen Geschichte vermittelt, findet sie sich auch in verschiedenen Familiengeschichten. Zwei Dokumentarfilmerinnen widmen sich der Vergangenheit ihrer Mütter und Großmütter und entdecken so eine aus dem Album familiärer Erinnerungen gestrichene Zeugenschaft des Holocaust (Matrilineal), wie auch die Erfahrung des totgeschwiegenen Selbstmords der Mutter (Danach hätte es schön sein müssen); erzählen von Distanz und Sprachlosigkeit innerhalb der engsten menschlichen Gesellschaft. Resultate filmischer Erinnerungsarbeit bietet auch »Geschichte in Geschichten«; das Tabuthema Suizid steht im Zentrum des Videoprogramm »Über Leben oder Tod«.
Ein weiterer Block der Auswahl behandelt Themen zu Kunst und Kulturgeschichte. Absolut Warhola, der Eröffnungsfilm des diesjährigen Festivals, umrundet das einzige Pop-Art-Museum Europas im »ruthenischen Bermuda-Dreieck« zwischen Slowakei, Polen und Ukraine. Hier, in Medzilaborce nämlich, wurde die amerikanische Pop-Ikone Andy Warhol geboren – die zum Gegenstand eines nie endenden stolzen, wenngleich ahnungslosen Fabulierens wird.
Eine Auseinandersetzung mit Geschichte und Kunst, Raum und Zeit in der neuen Mitte Berlins vollzieht Konzert im Freien. In seinem experimentellen Dokumentarfilm lässt Jürgen Böttcher, als Künstler bekannt unter dem Namen Strawalde, die bekannten DDR-Jazzer Günther Sommer und Dietmar Diesner ihren musikalischen Kommentar zum heute anachronistischen Denkmals-Ensemble »Marx-Engels-Forum« abgeben.
Im Kunstbereich siedelt sich auch das diesjährige Sonderprogramm »Wiedervorlage d5 – documenta und Film« an, das gemeinsam mit dem documenta Archiv veranstaltet wird. Gerade auch an der documenta kann der immer höher werdende Stellenwert von Videokunst und Film innerhalb des Kunstbereiches abgelesen werden. Vier Programme vermitteln Einsichten in die historischen Zusammenhänge zwischen documenta und Film – ausgehend von der d5 bis zur heutigen Rolle des Films im Ausstellungsgeschehen.
Das raumbezogene Arbeiten mit Video hat längst einen festen Platz in der aktuellen Kunstproduktion. Die begleitende Ausstellung MONITORING zeigt aktuelle Positionen der Medienkunst von 17 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, darunter den diesjährigen Arnold-Bode-Preisträger Stan Douglas.
Erstmalig werden auf dem 18. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest Förderpreise verliehen: Der »Werkleitz Award 2001« für den innovativen Einsatz digitaler Medien im künstlerischen Bereich und der »Goldene Herkules« der Tageszeitung HNA für die beste filmische Produktion aus Nordhessen, um den 17 Arbeiten konkurrieren.
Auch das Festival selbst erhält in diesem Jahr eine Anerkennung, indem es durch das »MEDIA Plus«-Programm der europäischen Union gefördert wird.
Die inzwischen etablierte Fachtagung interfiction sorgt zum 8. Mal für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Medien- und Netzkultur. Theoretiker und Praktiker werden zum Thema »Streaming Media im WWW zwischen Kunst, Kulturindustrie und Kommerz« diskutieren.
Auch im Jahr 2001 bietet das Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest wieder eine perspektivenreiche Auseinandersetzung mit den verschiedensten Ansätzen: dokumentarisch, künstlerisch, diskursiv. Geschaffen wird ein Ort der Kommunikation, an dem es alte und neue Medien zu diskutieren gilt: Vom Film über Video zur Videokunst bis hin zum künstlerischen Arbeiten im Internet.

Wir wünschen unseren Besucherinnen und Besuchern anregende Veranstaltungen und spannende Diskussionen !


What is the meaning of documentary work today – in a time when the banality of artificially staged everyday life is transformed into evening-filling reality-TV ‘events’? A time in which the most trumped-up fictions of Hollywood seem to anticipate real political occurrences or to depict the impossible which then is found not only to be possible but indeed to be the reality with which we are confronted?

The search for reality, which in these times more than ever seems to be met with skepticism, may offer an answer: Work with documentary material continues to impart a feeling of reality – even if the range of possible manipulations of such material is an ongoing issue, particularly in the field of film and video.

The 18th Kassel Documentary Film and Video Festival will provide no final answers to the question of the relative importance of documentary work. It will, however, show a sampling of the international works now being done in film and video, ranging from full-length feature films to video shorts. From more than 1,300 entries, a selection of 30 documentary films and more than 125 documentary and art-experimental video works from 24 countries has been made. These works will be shown in 43 different program sections.

Documentational, observational predilections are repeatedly manifested in these works. Exchanging Glances, for example, proceeds through a course of various moments of seeing – beginning with accidental glances and continuing to voyeuristic desires and finally to willful pursuit. The viewed party is pulled into the field of observation – his or her role is not necessarily freely chosen, the possibility of self-determination is frequently negated. This indeed is a central theme of the 18th Kassel Documentary Film and Video Festival. A tremendous interest in political and contemporary subjects is evident in the current selection. This can be seen, for example, in the video section Counterrepresentations, which presents the background of various political decisions as well as the possibilities of grassroots participation from the perspective of those without formal political power. The premiere showing of a video produced by the Berlin video magazine kanalB depicts the occurrences at the 2001 G8 summit in Genoa, Italy, from the perspective of the demonstrators – without failing to pose a range of questions about the power of the media. In a subversive and insolent style, The Little Noise presents the protest against the expansion of the Frankfurt airport, showing the actions of a “Noizemobil” which is sent out to disturb the sleep of members of the Hessen parliament. This is a road-documentary movie which could provide valuable lessons in connection with the controversial expansion of the Kassel-Calden airport.

Other connections with current political and social events are also to be found: Where Women Are Banned reports on the living situation of women in Taliban-ruled Afghanistan. Do It takes a look at the phenomenon of terrorism itself. Daniele von Arb was the most-wanted terrorist of Switzerland in the 1970s. Today, the one-time revolutionary operates as a fortune teller. Do It shows von Arb’s odyssey through utopias, myths and images of the enemy and points out the existence of a general right to personal development. This right was not enjoyed by Holger Meins, the subject of Gerd Conradt’s film Starbuck. Meins died at the age of 33 in a hunger strike as the first RAF member. The question of the origins and motivations of terrorists gains a new dimension in the context of personal documents of the times (from Gretchen Dutschke and Haroun Farocki among others), which have a relativizing effect on the satanic aspects of our own current experiences.

The film Public Enemy presents the history of the Black Panther movement, founded in the 1960s in the USA. Four ageing veterans of these times tell stories from the vantage point of the 90s – about racism, provocation and their own, often bizarre life stories.

Other places, other stories: We Will Never Be So Young and Together Again
shows us a group of punks – 10 years later. A generational portrait that traces the journey from the no-future syndrome to the first Internet million.

Works such as these present social and political history through subjectively colored narratives; this also occurs in various family histories. Two documentary filmmakers devote themselves to the past of their mothers and grandmothers and in the process discover memories that had long been banned from the family album relating to the Holocaust (Matrilineal), as well as the experience of the concealed suicide of the filmmaker’s mother (It Should Have Been Nice After That). These are stories of distance and speechlessness in the context of the closest human relations. The results of filmic recollective efforts are also offered in the segment History in Narratives; the taboo subject of suicide is the focal point of the video program On Life or Death.

Another section of the festival deals with subjects of art and cultural history. Absolut Warhola, the opening film of this year’s festival, takes a look at the only Pop art museum of Europe in the “Ruthenian Bermuda Triangle” located between Slovakia, Poland and the Ukraine. Here in Medzilaborce - the birthplace of Andy Warhol - the American Pop icon is the subject of unendingly proud, if not particularly well-informed storytelling.

The film Open Air Concert deals with history and art, space and time in the center of the new Berlin. In his experimental work, Jürgen Böttcher (also known as an artist under the name Strawalde) lets the well known East German jazz musicians Günther Sommer and Dietmar Diesner give their musical commentary on the now anachronistic “Marx-Engels Forum”, a monumental configuration from another era.

The special program Resubmission d5 - documenta and Film also belongs to the art segment of the festival and is presented in co-operation with the Documenta Archive. The growing significance of video art and film in the art field as a whole is particularly evident in the history of the documenta. Four programs offer insights into the historical connections between the documenta and film – starting with documenta 5 and continuing to the upcoming Documenta 11. The (film) curators of documenta 5 (Gerhard Büttenbender and Sigurd Hermes), documenta 6 (Birgit Hein) and Documenta 11 (Mark Nash) will explain their exhibition concepts and show examples.

Space-based installations with video have long had an important place in contemporary art production, and this is also reflected at the Kassel Documentary Film and Video Festival. This year, in fact, the large exhibition space in the south wing of the Kassel Kulturbahnhof is being put to use. The accompanying exhibition MONITORING shows contemporary examplars of media art from 17 international artists, including this year’s winner of the Arnold Bode Award, Stan Douglas. The thematic spectrum in this year’s offerings ranges from classic documentary works to recordings of everyday moments to virtual excursions. The Festival itself is also the recipient of a special recognition this year, having received support from the “MEDIA Plus” program of the European Union.

The meanwhile well-established media-art conference “interfiction” convenes for the eighth time this year to consider questions of media and network culture. Theoreticians and practising exponents in the field will exchange views on the subject “Streaming Media in the WWW: Art, the Art Industry and Commerce”. Do streaming media offer new options for the World Wide Web, can the Web become an open (cultural) channel? Or will streaming media rather be one further step on the way to the “dumb terminal”, merely a welcome lubricant to grease the stalled business sector of the World Wide Web?

Once again in 2001 the Kassel Documentary Film and Video Festival provides a broad forum featuring a wide variety of approaches: documentary, artistic, discursive. With this forum a place for communication should be created where both old and new media can be discussed – from film to video to video art and on to artistic works in the Internet.

We wish our visitors stimulating viewing and exciting discussions.