Vorwort
Eine Treppe stand im vergangenen Jahr als Festivalmotiv symbolisch für den Weg nach oben. In diesem Jahr ist es nun ein Paternoster, dem zufällig, aber nicht ohne Bedeutung, ein junger Mann entsteigt. Technische Vehikel erleichtern zwar viele Dinge und Wege; auf das Weiterkommen im ideellen Sinne haben sie jedoch keinen Einfluss. Aber gerade das versucht das Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest; und im besten Falle gelingt es uns, vor allem dem Nachwuchs und seinen Filmen mit der hiesigen Aufführung zum Sprung „nach oben“ zu verhelfen. Auch für das Festival selbst führt der Weg in diesem Jahr weiter aufwärts. Mit 233 gezeigten Filmen in drei Spielstätten, von denen rund ein Viertel in Kassel seine deutsche Erstaufführung (darunter 50% Weltpremieren) feiert, ist das Programm erneut größer geworden.
Diese progressive Entwicklung sollte sich eigentlich auch in der Förderung niederschlagen. Doch bei der landespolitisch verantworteten Filmförderung ist der Paternoster vor zwei Jahren stecken geblieben. Der damals verordneten Kürzung folgte die Stagnation auf unterem Niveau. Von einer zukünftigen Filmförderungspolitik wünschen wir uns, dass die Bedeutung der Festivals in Hessen nicht nur anerkannt, sondern auch entsprechend honoriert wird.

Programmschwerpunkte
In der Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit setzt eine auffällige Zahl von Filmen die gesamtgesellschaftliche Diskussion fort. Die Kurzfilme des Programms „Schichtwechsel“ zeigen Arbeitswelten auf fast meditative Weise, Michael Glawogger setzt mit WORKINGMAN’S DEATH den Schwerstarbeitern im 21. Jahrhundert ein filmisches Denkmal, DIE FLÜSTERER von David Bernet und Christian Beetz gibt Einblick in die fast unsichtbare Tätigkeit der Simultandolmetscher, Jörg Adolph beobachtet den Erfolgsautor beim Schreiben seines Romans HOUWELANDT und Klaus Stern einen Insolvenzverwalter beim Abwickeln einer Firma.
Erneut ist das Thema Urbanität in den gezeigten Arbeiten stark vertreten. Die Filme des Programms „Meine Stadt“ sind ganz persönliche Stadtführungen. „Urbane Texturen“ wiederum widmet sich den Inschriften und Botschaften, die den städtischen Raum durchziehen. Auch werden ganz unterschiedliche Wohnvisionen gezeigt: vom Leben im Bauwagen (AM HAFEN 23) über das kuriose Universum der Dauercamper (ZUHAUSE REISEN) bis zur klebrigen Idylle in der von Walt Disney konzipierten Modell-Stadt CELEBRATION (im Programm „Stadt der Träume“). BUILDING THE GHERKIN begleitet die Entstehung des vom Stararchitekten Norman Foster entworfenen, von den Londonern scherzhaft „Gurke“ genannten Versicherungsbaus als Wahrzeichen modernen städtischen Lebens.
Zahlreiche RegisseurInnen setzen sich mit dem Thema Jugend auseinander. 13+15 nimmt die Zukunftsträume zweier kubanischer Mädchen unter die Lupe und MOHARRAM – JUGEND DER EWIGEN MORGENRÖTE zeigt den schwierigen Balanceakt iranischer Heranwachsender zwischen westlicher Jugendkultur und traditionellem Wertesystem. Dass es für Außenstehende immer schwieriger wird, Jugendkulturen zu kategorisieren, demonstrieren die Protagonisten des Films STATION (im Programm „Adoleszente Erkundungen“). BEIJING BUBBLES besucht fünf Punkbands in Chinas Hauptstadt und lässt sie mit ihren alternativen Lebensentwürfen zu Wort kommen. Zurück zu den Wurzeln der Punkbewegung in Deutschland geht VERSCHWENDE DEINE JUGEND.DOC.
Einen wichtigen Stellenwert nimmt auch das Thema Globalisierung ein. In den Beiträgen des Programmblocks „Im Transit“ versuchen Flüchtlinge Grenzen zu überwinden, einen Aufenthaltsstatus zu erhalten und bleiben stecken im Niemandsland der Warteschleifen. EVIANNAIVE dokumentiert den Protestzug von Globalisierungsgegnern gegen den G8-Gipfel in Evian. Die Wechselwirkungen zwischen Globalisierung und Wirtschaft untersuchen der vielfach prämierte Dokumentarfilm THE CORPORATION und CZECH DREAM, der den Einzug des Konsumterrors in die ehemalige sozialistische Gesellschaft ironisch aufs Korn nimmt.
Kassel im Zeichen des Trickfilms: Das Ergebnis eines produktiven Jahres in der Trickfilmklasse der Kasseler Kunsthochschule ist im Programm „Kassel animiert“ zu bewundern. Gleichzeitig stellt eine Werkschau die Professoren dieser Klasse, Andreas Hykade und Thomas Meyer-Hermann vor. Traditionell wirft das Festival neben seiner internationalen Ausrichtung immer auch ein Schlaglicht auf das regionale Filmschaffen. Insgesamt zeigen wir in diesem Jahr 36 Filme und Videos sowie vier Medieninstallationen aus Hessen.

Video Reporting – Eine Bestandsaufnahme
In Zusammenarbeit mit der Bauhaus-Universität Weimar und dem backup_festival widmet sich eine Reihe des Festivals dem Thema Video Reporting. Durch Filme, Vorträge und Diskussionsforen soll eine Bestandsaufnahme dieser viel diskutierten Art der Fernsehproduktion erfolgen.

MONITORING
Die Medienkunstausstellung MONITORING gliedert sich erstmals in zwei Teile. In der Ausstellungshalle Südflügel des KulturBahnhofs werden 16 internationale Positionen zeitgenössischer Medienkunst gezeigt. Übergreifende Klammer der gezeigten Arbeiten ist das Motiv der „schrägen Räume“, Verschiebungen, die sich auch auf die Kommunikation oder Wahrnehmung in einer immer globaler vernetzten Gesellschaft beziehen. Darüber hinaus präsentiert MONITORING unter dem Titel „you cannot remain indifferent“ im Kasseler Kunstverein mit einer Schau der Werke von Rosa Barba zum ersten Mal eine künstlerische Einzelposition.

interfiction
Die interdisziplinäre Workshop-Tagung widmet sich unter dem Titel „Learning from…?“ dem Lernen von/mit/in Medienkulturen. Dabei wird es nicht nur um
E-Learning-Projekte in den Künsten gehen, sondern auch um die Frage, welche spezifischen Potentiale seitens der Künste und der Kulturwissenschaften in diesen Bereich einzubringen sind.

Dokfest Lounge
Zum Relaxen und natürlich zum verlängerten Meinungsaustausch nach dem Filmprogramm lädt wieder die DokfestLounge. Die temporäre Bar dient des Nachts als Resonanzraum für ein Programm aus audiovisuellen Performances, Live-Videokunst und Musik. Die Live Visual-Sektion des Festivals wurde in diesem Jahr zum ersten Mal international ausgeschrieben; über 70 Künstlerlnnen haben sich mit ihren Konzepten beworben.

Auch in diesem Jahr erwarten wir wieder zahlreiche Regisseur/innen aus dem In- und Ausland, die hier ihre Arbeiten präsentieren werden. Wir freuen uns auf unsere Gäste wie auf unser Publikum und wünschen Ihnen anregende Unterhaltung und spannende Diskussionen während der Festivaltage.