08. - 13. November, Kulturbahnhof Kassel
Crave
Bahnhof, Flughafen, Haltestellen – Transitzonen für einen Strom von Menschen von einer Welt in die andere. Einen Moment lang, während des Wartens, bin ich zwischen den Rollen des Alltags, nicht mehr da und noch nicht dort. In einem leeren Tunnel, in dem das Individuum von einer Rolle in die andere schlüpft und zwischendurch für einen kurzen Moment nackt vor sich selbst erscheint. Der Transitraum schafft den Platz, das Warten die Zeit, in der die Gedanken fast unbehelligt zu fließen beginnen in Richtung dessen, was mich am meisten bewegt. Die Installation „Crave”, inspiriert durch das gleichnamige Bühnenstück von Sarah Kane, führt auf vier Monitoren die Bilder von wartenden Menschen mit gesprochenen Gedankenfetzen, scheinbar zusammenhanglosen Textfragmenten und musikalischen Elementen zusammen. Die Bilder werden von Pan & Tilt-Überwachungskameras aufgenommen, die zur gleichen Zeit auf unweit gelegenen Bahnsteigen einzelne Gesichter und Personen auswählen. Die Aussagen, die nicht der Literaturvorlage entstammen, sondern fiktiv oder gesammelt sind, wurden von vier Schauspielern eingesprochen. Ein zwischengeschaltetes Programm komponiert nach einer an die Struktur des Dramas angelehnten Partitur Schnitt und Inszenierung von Bild- und Tonmaterial. Die Dynamik des tatsächlichen Geschehens bestimmt den Verlauf; immer neue, unwiederholbare Kombinationen von Wort und Bild entstehen, in denen dramaturgische und sogar narrative Elemente stecken.
Zwischen der unbeirrbar analytischen Arbeitsweise von Computer und Programm, der Unbehaglichkeit der Überwachungskameras und der Poesie und Intimität der Worte entstehen Spannungen, die sich auf den Betrachter übertragen. Dieser erkennt in der Installation zuerst ein gut inszeniertes Drama, dann die Wirklichkeit, seine direkte Umgebung, sich selbst. Gleichsam abschweifende Gedanken, eine ähnlich banale Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, Amüsantes oder Peinliches. Eine poetische Perspektive auf Alltägliches, Vergessenes, Menschliches, die das (unbewusste oder versteckte) Eigene an einem Anderen zeigt. Die dem Betrachter Respekt abverlangt, indem sie respektlosen Einblick gewährt.
Vera Glahn

Crave
Marcus Wendt, Kassel 2005 
4 Kameras, 4 Monitore, 5 Computer, 4 Lautsprecher

Train stations, airports, bus stops – transit areas with floods of people from one world into another. For an instance, while I’m waiting, I’m in between my everday’s roles, I’ve already left but am not yet there. An ordinary, empty tunnel that sees me, as any individual, hatching out of the old and assuming my new role. It witnesses the moment when I stand nude in front of myself. The transit area renders the space while the wait makes the time, in which thoughts begin to flow - almost unmolested – towards what moves me most. The installation “Crave”, inspired by Sarah Kane’s play of the same name, brings together on four displays the images of waiting people with spoken scraps of thoughts, apparently incoherent text fragments and musical elements. The images of people and faces are recorded live by Pan & Tilt cameras located at nearby train station platforms. The lines spoken are not excerpts from the text, they are fictive or collected and take their strength from real actors’ voices. A score that follows the drama’s structure matches via an interposed program photographic with acoustic data. The dynamic of the actual events determines the course of the production. Perpetually new, unrepeatable combinations of words and images are created containing dramatic and even narrative elements.
The computer’s unwavering analytical approach, the disquiet of surveillance cameras and the poetry and intimacy of the sound of the words inflicts a tension on the beholder. He perceives in the installation at first a well produced drama, than reality, his direct vicinity and eventually himself; just as wandering off thoughts, a similarly banal examination of reality, amusing or embarrassing moments. It’s a poetic perspective on everyday things, forgotten things, human things, showing the (unconscious or hidden) peculiarities of the other and demanding respect of the beholder by granting disrespectful insight.