08. - 13. November, Kulturbahnhof Kassel
-273,15°C = 0 Kelvin (Radio Solaris)
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Eine behutsame Kamerafahrt durch das menschenleere Gebäude des ehemaligen Rundfunkzentrums der DDR in Berlin und eine tragende Filmmusik prägen den ersten Eindruck der Doppelprojektion von Nina Fischer und Maroan el Sani. Zu sehen sind zwei scheinbar identische Aufzeichnungen des Inneren des Gebäudes, die zeitgleich denselben Verlauf darbieten. Die Musik unterstützt die Bilder. Es ist, als würde man in Trance eine Gegend erkunden, die sonderbar rätselhaft bleibt. Kleine Unterschiede in den Aufnahmen verstärken den Eindruck des Geheimnisvollen. Die eine Projektion zeigt die Korridore und Räume der Anstalt, wie sie heute zu sehen sind. In ihnen steckt der Charme alter Zeiten. Darin verankert ist die Geschichte der DDR, wie sie durch den Äther ging. Die zweite Projektion zeigt dieselben Räume. Der Kamerafahrt haben Fischer und el Sani Bilder aus dem Werk des Malers Gerhard Richter hinzugefügt. Durch den fast flüchtigen Eingriff wirken die Aufnahmen, als wäre vorher etwas gewesen, was nun nur noch angedeutet werden kann, oder wie verblassende Erinnerung erscheint. Immerzu verleiten die Bilder zum Vergleich.
Tatsächlich nehmen Fischer und el Sani Bezug auf den 1972 entstandenen Film „Solaris“ von Andrej Tarkowski. Dort bekommt die Hauptfigur Kelvin den Auftrag, eine Raumstation zu zerstören, die zur wissenschaftlichen Observation eines Planeten errichtet wurde. Bei seiner Ankunft beschreitet Kelvin die Station, die unbelebt wirkt und bemerkt, dass die ansässigen Forscher sich seltsam benehmen, ängstlich wirken und etwas zu verbergen versuchen. Im Laufe der Erzählung wird Kelvin Opfer seiner eigenen Vergangenheit, die nun wie eine Plage zur Realität wird. Der Planet beeinflusst die Forscher in der Raumstation und eignet sich deren Erinnerungen an. Er reproduziert eine Welt des Vergangenen, aber auch der Wünsche und Hoffungen. Am Schluss ist nicht mehr zu trennen, was Realität und was Konstruktion ist. Der Planet nutzt die Kraft der Wünsche und Fantasien der Menschen und lässt sie zu einer unberechenbaren Größe werden. Ein Faktor, der in keiner gesellschaftlichen Kosten-Nutzen-Kalkulation berechnet werden kann. Die Insassen werden zu einer Bedrohung für sich und andere, weil ihre Realität nicht mehr der Wirklichkeit entspricht.
In der Arbeit von Fischer und el Sani bleibt es dem Betrachter überlassen, sein geschichtliches Wissen über eine vergangene Nation und vergangene Utopie als ein ergänzendes Element einzubringen. Nicht zuletzt sind es Gerhard Richters Bilder, die sich wie eine Fata Morgana in die Geschichte des Rundfunksenders einschreiben. Ähnlich wie im Film, in dem Kelvins verstorbene Frau plötzlich wieder zum Leben erwacht und er sie versucht zu töten, lassen Fischer und el Sani die Bilder Richters am Ende verbrennen. Was ist die Realität,
die hier verblasst und was die Wirklichkeit, die bleibt?
Alexandra Ventura Corceiro

-273,15°C = 0 Kelvin (Radio Solaris)
Nina Fischer / Maroan el Sani, Berlin 2004
 2 DVD-Player, 2 Video-Projektoren, Lautsprecher

A cautious camera movement through the deserted building of former East Germany’s broadcasting centre and a fundamental score mould the first impression of Nina Fischer’s and Maroan el Sani’s double projection. Two apparently identical records of the building’s interior are shown which move through it simultaneously. The score supports the images. It seems as though one were exploring an area in trance that remains strangely mysterious. Small differences between the two records reinforce an air of mystery. One projection shows the institution’s rooms and gangways, as they can be seen today. They are imbued with a charm of days long gone. Here is embedded East Germany’s history, where it was melted into the ether. The second projection shows the same rooms. Images out of the work by Gerhard Richter were added to the camera movement by Fischer and el Sani. With these nearly fleeting intrusions, it appears as though something would have been there, that can now only be hinted to, that are fading memories. One is perpetually tempted to compare.
In fact, Fischer and el Sani refer to the film “Solaris” from 1972 by Andrej Tarkowski, in which the protagonist Kelvin is ordered to destroy a space station, constructed for a planet’s scientific observation. At his arrival Kelvin walks around the station that seems uninhabited and notices the station’s scientists strange behaviour – a mixture of anxiety and secrecy. In the course of the story, Kelvin becomes a victim of his own past, which is now, like a plague, turning real. The planet influences the scientists in the space station and appropriates their memories. It reproduces a world of the past as well as of desires and hopes. In the end one can’t tell anymore what is real and what is constructed. The planet uses the power of the men’s desires and fantasies letting them become an unpredictable quantity. A factor that can’t be calculated in any of the society’s cost-effectiveness estimates. The passengers become a threat to themselves and others because their subjective reality is not the objective reality anymore.
In Fischer’s and el Sani’s work the spectator is left to use his own historical knowledge about the former nation and utopia as an additional input. There are Gerhard Richter’s paintings that write themselves like a Fata Morgana into the broadcast company’s history. Similar to the film where Kelvin’s dead wife is resurrected all of a sudden and he tries to kill her, Fischer and el Sani have Richter’s pictures burned down in the end. What is the reality that fades away here, and what is the reality that remains?