08. - 13. November, Kulturbahnhof Kassel
Parallel Universes Meet at Infinity
Für die auf zwei Monitoren präsentierte Arbeit „Parallel Universes Meet at Infinity“ beauftragte Manuel Saiz verschiedene Schauspieler mit der minuziösen und detailgetreuen Beobachtung von Bewegungsabläufen verschiedener Tierarten im Zoo. Dadurch lernten sie, die typischen Haltungen, Kopfbewegungen und Reaktionen der jeweiligen Tiere perfekt zu imitieren. Aus der teilnehmenden Beobachtung wird so eine gewissenhaften Tierstudie, die nicht der wissenschaftlichen Erforschung des Verhaltens und der Ursachen für bestimmte Reaktionen nachgeht, sondern sich einzig und allein auf die sichtbare Oberfläche konzentriert. Je ähnlicher die Schauspieler den Tieren werden, desto deutlicher wird auch der Unterschied zwischen ihnen. Während Schauspieler in ihren Bewegungsabläufen geübt sind – angeeignet durch Schauspielunterricht, Fitnesstraining, das genaue Studium der Körpersprache und der Bewegungsabläufe, durch Konzentrationsübungen – reagieren Tiere vollkommen instinktiv. Im Gegensatz zu Tieren wissen die Schauspieler sehr genau was sie tun.
Die Projektion stellt nun diese beiden Ansichten – die Bewegungen der Tiere und die Nachahmungen durch die Schauspieler – synchron nebeneinander. In ihren genau einstudierten Gesten gleichen die Schauspieler den Tieren auf überraschende und irritierende Art und Weise, so als stünde ein Spiegel zwischen ihnen. Aber wer hält da eigentlich wem den Spiegel vor? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Mensch und Tier? Werden sie in dieser Arbeit, direkt vor unseren Augen, aufgehoben?
Der Frage nach dem Mensch-Tier-Verhältnis geht die Philosophie schon seit Anbeginn nach. Die unterschiedlichen Sichtweisen auf diese schwierige Beziehung wird aber in den häufigsten Fällen auf die evolutionsbiologische Frage nach der Abstimmung des Menschen und der damit verbundenen Hierarchie der Lebwesen verkürzt. Einzig in der Märchenwelt erscheinen Mensch und Tier gleichberechtigt nebeneinander, haben Tiere menschliche Eigenschaften, verschmelzen in fantasievollen Fabelwesen beide zu einer neuen Gestalt unbestimmter Herkunft. Spätestens mit Darwin siegte die menschliche Vernunft über alles Tierische: Beide leben durch eine unüberbrückbare Kluft voneinander getrennt. Seitdem steht die Rangfolge fest, seitdem versucht man sich an einer differenzierten Sichtweise, sucht nach Anzeichen für Gefühlsregungen. Für Agamben dagegen verläuft die Grenze zwischen Mensch und Tier im Inneren des Menschen. Wer Mensch, was Tier ist – das ist für ihn letztlich eine politische Entscheidung: „Der Mensch ist das Tier, das sich selbst als menschlich erkennen muss, um es zu sein.“(1)
Die Schauspieler lösen mit ihrem Mimikspiel all die bestehenden Widersprüche für einen kurzen Moment auf spielerische Art und Weise auf und ermöglichen neue, überraschende Sichtweisen. Dabei ist es weniger die rein formale Seite dieser Arbeit, als vielmehr die schauspielerische Technik, welche die Aufmerksamkeit der Betrachter erregt. Sie täuschen unsere Wahrnehmung, spielen mit unseren Assoziationen. Was am Ende bleibt, ist nichts als pure Projektion.
Beate Anspach

Parallel Universes Meet at Infinity
Manuel Saiz, Birmingham 2004 
2 LCD-Monitore, 2 DVD-Player

For the work “Parallel Universes Meet at Infinity” presented on two monitors, Manuel Saiz asked various actors to watch diligently the movements of various species in the zoo. Thus they learned to imitate typical postures, head movements and reactions of any given animal perfectly. The participatory observation became a minute examination of animals, which doesn’t seek to do research on the field of animal behaviour or the reasons for certain actions, it’s an examination which totally and entirely focuses on the visible surface. As closer the actors get to the animals as clear the difference is: the animals are acting immediately while the movements of the actors are staged and only achieved by a full range of different techniques: acting training, physical training, body language, concentration techniques and the notation of the movement. In contrast to the animals, the actors are well conscious of what they are doing.
The projection puts both points of view – the animals’ movements and the actors’ imitations – synchronologically next to each other. With their well-rehearsed gestures, they resemble their animals in an astonishing yet irritating way, just as though a mirror would have been put between them. Only, who is holding up a mirror to whom? Where’s the thin line between man and beast? Is it revoked in front of our very eyes in this work?
Philosophy has pondered on the relation of man and beast ever since. The different perspectives in this complex relation, however, are in most cases shortened to the evolutionary biology’s question of the descent of man and the hierarchy of all living things that is closely interconnected with it. Solely in the world of fairy tales, men and beasts appear as equals to one another. Beasts can have human features, even be unified with men to some fantastic hybrids of unknown descent. With Darwin at the very latest, human reason has won over animality; both live on, separated of each other by an unbridgeable gulf. Since this moment, the hierarchy is set and one gives a try to a more differentiated attitude and searches for stirs of emotion. In contrast to this, Agamben thinks that the boundary between man and beast lies in the heart of the humans. Who is human and who is an animal – for him this is eventually a political decision: „A human is the only animal that has to recognize himself in order to be human“ (1)
For an instance, the actors resolve all the existing contradictions in a playful manner with their mimicry and make new, surprising perspectives possible. In this process, it’s more the artistic techniques rather than the formal aspect of the work, that arouse the spectators’ attention. They fool our perception, play with our associations. What remains in the end, is nothing but pure projection.

1) Giorgio Agamben, Das Offene. Der Mensch und das Tier, Suhrkamp Verlag, 2003, S. 35