08. - 13. November, Kulturbahnhof Kassel
Spit
Unsere eigenen Körpersäfte scheinen zu den Dingen zu gehören, die wir ausgesprochen emotional behandeln und oft extrem tabuisieren. Ihr Sichtbarwerden markiert einen Riss im alltäglichen Ablauf des Lebens: Tränen fließen bei seelischen Verletzungen, wie Blut bei körperlichen. Mit Speichel heilt man Wunden oder schleudert Verachtung einem Feind entgegen. Sperma wird möglichst im Dunkel der Nacht versteckt. Schweiß wird, wenn nicht gleich abgewaschen, zum Ekelfaktor, von Urin gar nicht zu sprechen. So stark die Ablehnung den Körpersäften gegenüber ist, so finden sich doch, vielleicht gerade auf Grund der Ablehnung, Formen der Fetischisierung von Speichel, Sperma und Urin in der Sexualität. Aber auch in der Volksmedizin werden Körpersäfte als heilsam empfohlen. Ein Glas Morgenurin soll unsere Abwehrkräfte stärken. Die Injektion von Eigenblut wird als Therapeutikum bei Allergien verwand. Sprichwörtlich ist es, wenn wir unsere Wunden lecken.
Körpersäfte spielen in den künstlerischen Arbeiten von Oliver Kunkel immer wieder eine wichtige Rolle. 2003 platziert sich Kunkel in einer öffentlichen Toilette so, dass seine Oberschenkel zur Klobrille werden. Der Rest des Körpers bleibt unsichtbar. So präpariert wird die Toilette zum Gebrauch freigegeben und tatsächlich benutzt. Ein Nutzer geht so weit, absichtlich auf die Oberschenkel des Künstlers zu urinieren. In der Arbeit „Mosquitobox“ von 2004 nutzt Kunkel die Vorstellung, Mücken könnten HIV übertragen. In einer Ausstellung wird ein Glaskasten mit Mücken installiert. Spezielle Öffnungen erlauben es den Ausstellungsbesuchern, ihre Hände in den Kasten zu stecken und sich stechen zu lassen. Im Laufe der Ausstellung inszeniert Kunkel einen Unfall, bei dem der Glaskasten zu Bruch geht und die Mücken freikommen. Der anschließende Medienrummel wird zum Bestandteil der Arbeit.
„Spit“ erscheint demgegenüber viel einfacher. In zwei einander gegenüber aufgestellten Monitoren ist das Gesicht des Künstlers zu sehen. Er spuckt und ihm klatscht Spucke ins Gesicht, die ihm dann über das Gesicht läuft. Die Gegenüberstellung der Bilder lässt den Eindruck entstehen, als spucke er sich selbst ins Gesicht. Jemandem ins Gesicht zu spucken ist eine Geste der Degradierung, die aus Wut oder Verachtung entsteht. Sich selbst zu bespucken, erscheint somit als Form der Selbstverachtung, die als psychologisches Phänomen üblicherweise unsichtbar bleibt. Auch die Aufspaltung des Selbst wirkt in diesem Zusammenhang wie eine schizophrene Haltung. Oder trifft sich der Künstler hier selbst mit männlichem Imponiergehabe, so wie Halbstarke in der Stadt gerne auf die Straße rotzen? Ein Ausgangspunkt für „Spit“ war eine Fotoserie, in der Kunkel Spucke in der Stadt fotografisch gesammelt hatte. Kinderspiele, wie Kirschkernweitspucken oder „Wer sammelt am meisten Spucke im Mund?“ (Dabei sammelt man soviel Speichel im Mund, wie möglich – Vorstellungen von Zitronen und saueren Gurken sind dabei hilfreich – und versucht damit einen möglichst großen Fleck auf den Boden zu spucken.) liegen ebenfalls im Radius der Arbeit, nicht weiter als man spucken kann.
Holger Birkholz

Spit
Oliver Kunkel, Köln 2005
2 Monitore, 2 DVD-Player, Lautsprecher

Our own bodily fluids seem to belong to those things which we treat very emotional and which we often extremely taboo. Their appearance marks a rapture in our everyday course of life: tears are shed when we are psychologically hurt just as blood is when we are hurt physically. Saliva is used to heal wounds or embodies contempt against an enemy. Sperm is mostly hidden in the dark of the night. Sweat, if not washed off, is disgusting, not to speak of urine. As strong as the rejection of the body fluids may be, one does find, maybe exactly because of this rejection, often forms of fetishism of saliva, sperm and urine in sexuality. But among household remedies, body fluids are often recommended as curative. A cup of morning urine is said to strengthen the body’s defences. An injection of one’s own blood is used as a therapy of allergies. The expression “to lick one’s wounds” has even become proverbial.
Body fluids perpetually occupy central roles in Oliver Kunkel’s artistic works. In 2003, he placed himself in a public toilet in a manner that his thighs became the toilet seat. The rest of the body remained invisible. Thus prepared, the toilet is opened for public service and in fact used. Someone even goes so far as to urinate on the artist’s thighs. In his work “Mosquitobox” from 2004, Kunkel uses the concept that midges could transmit HIV. A glass box of midges is installed in an exhibition. Appropriate openings allow the visitors to put their hands into the box to have themselves bitten. In the course of the exhibition Kunkel stages an accident that damages the glass box freeing the midges. The media’s subsequent excitement becomes part of the work.
“Spit” on the contrary appears much more simple. Two opposing screens show the artist’s face. He spits and spittle hits his face and runs down slowly. The opposite position of the images evokes the impression as though he spat into his own face. Spitting in someone’s face is an act of humiliation born by fury or contempt. Spitting oneself consequently appears as a form of self-contempt which, as a psychological phenomenon, largely remains invisible. Also, the splitting of the self, in this regard, gains some schizophrenic aspect. Or does the artist meets himself with a masculine display pattern as young hooligans in bigger towns like to spit on the street? A starting point for “Spit” was a photographic series in which Kunkel collected photos of spittle in the city. Childhood games like spitting cherry stones as far as possible or “who has more spittle in his mouth” (Collecting as much saliva as possible in one’s mouth – to imagine lemons is helpful – and then making a huge blob on the ground) lie in the work’s radius as well, not further than one can spit!