08. - 13. November, Kulturbahnhof Kassel
Soft Target
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Wir haben uns so sehr an sie gewöhnt, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Dabei sind wir an nahezu allen öffentlich zugänglichen Ort unter ihrer Aufsicht. Überwachungskameras sollen gewährleisten, dass nichts geschehen kann, was die 'allgemeine Sicherheit‘ gefährdet. Zumindest soll es nicht unbeobachtet geschehen. Beim Betreten kameraüberwachter Räume kreuzen sich unsere Blicke nur selten mit unseren heimlichen Beobachtern. Das geschieht in Momenten, in denen unsere Augen gelangweilt im Raum umherschweifen. Doch es gibt auch Auftritte, bei denen sich die Akteure auf ihr Erscheinen vor diesen Kameras vorbereiten und sich während ihrer Anwesenheit in den überwachten Räumen peinlich genau darauf einstellen, wie sie im Bild erscheinen. Masken bei Bankräubern, hochgezogene Mantelkragen oder halb im Gesicht getragene Mützen bei Kleinkriminellen sollen verhindern, dass diejenigen erkannt werden, die Verbotenes im Schilde führen. Mit der Beobachtung potenzieller Gefahren wird allerdings auch jeder Beobachtete zu einem möglichen Gefahrenträger.
Sagi Groner dreht in seiner Arbeit in gewisser Weise den Spieß um: Die Beobachtung selbst wird ins Blickfeld gerückt. Betritt man den von ihm mit Monitoren und Projektionen eingerichteten Raum, so entsteht der Eindruck, man sei in die Schaltzentrale eines Überwachungssystems geraten. Auf den Monitoren sind Bilder aus dem Inneren von Supermärkten und Fachgeschäften, Straßenabschnitte oder Treppenhäuser zu sehen. Sie alle erscheinen in der typischen Ästhetik der Überwachungskameras: ein leicht unscharfes, niedrig aufgelöstes Schwarzweißbild unterbrochen durch Störsignale. Diese Bilder hat Groner praktisch aus der Luft gegriffen. Sie schwirren durch Städte wie Los Angeles, Amsterdam, Helsinki, Brüssel und Sao Paulo, aber auch durch Kassel, weil sie „wireless“ per Funk übertragen werden. Mit einem entsprechenden Scanner spürt Groner diese Signale auf und bemächtigt sich der Bilder. Mehr noch, er sucht die Orte auf, an denen die Kameras installiert sind und sieht ihnen ins Gesicht. So erscheint Groner selbst auf den von ihm eingefangenen Bildern. Eingeblendete Texte suggerieren ein System, das den beobachtenden und beobachteten Besucher zum Mithelfer machen will.
Bei der Installation von Beobachtungskameras im Stadtraum wird von Politikern gerne darauf hingewiesen, dass mit ihnen die Kriminalitätsrate in den entsprechenden Zonen sinkt. Doch werden mit der Einrichtung solcher Systeme die Orte zum Schauplatz angenommener Verbrechen. Jeder, der solch einen Schauplatz betritt muss sich fragen lassen, was seine Absichten sind.
Als Alain-René Lesage 1707 seinen Roman „Le diable boiteux“ schrieb, entwarf er ein Szenario der Überwachung. Der Teufel der Leidenschaften ermöglicht uns und einem jungen Studenten durch Abheben der Hausdächer Einblicke in die Privatsphäre der Bewohner von Madrid. Mit heutigen Augen betrachtet erscheint hier der Teufel als Medium der Observierung, lange bevor George Orwell das Böse in der Überwachung benannte.
Holger Birkholz

Soft Target
Sagi Groner, Amsterdam 2005  
2 Video-Projektoren, 5 Monitore, 8 DVD-Player, Kamera, Videoscanner, LCD-Monitor,
Lautsprecher, 4 Bürostühle, Infrarotstrahler

We are so accustomed to them that we hardly notice them anymore. And yet, in almost all public spaces, we now stand under their observation. Surveillance cameras are supposed to ensure that nothing can occur which might endanger our ‘common safety’. When we enter spaces under video surveillance, our eyes rarely meet those of our unseen observers. This happens in moments of boredom when our eyes move aimlessly around a room. But there are other occasions when the players make exact preparations for their time before such cameras and pay the closest attention to how they appear during the time they spend in such a monitored space. The bank robber’s mask, the upturned collar or the down turned cap brim of the small-time criminal should prevent them from being recognized. However, with the observation of potential dangers every observed person becomes a potential agent of risk.
Sagi Groner turns the tables on this arrangement in his work “Soft Target”. The process of surveillance itself becomes the focus of attention. When one enters the space he has set up with monitors and projectors, one has the impression that one has entered the control room of a surveillance system. On the monitors there are images from the interior of supermarkets and retail stores, parts of city streets or stairways. They all appear in the typical aesthetic of the surveillance camera: a somewhat unfocused low-resolution black and white image interrupted by signal static. In effect, Groner has snatched these images out of thin air. They zip through cities like Los Angeles, Amsterdam, Helsinki, Brussels and Sal Paulo and even through Kassel, because they are transmitted wirelessly by radio signal. Groner locates these signals with a scanner and takes control of the images. And he goes further. He finds the locations where the cameras are installed and looks them in the eye. As a result, Groner himself can be seen in the images that he has captured. Superimposed texts suggest a system that seeks to make accessories out of the observed and observing visitors.
Politicians like to refer to the fact that crime rates decrease in urban areas where surveillance cameras have been installed. But with the installation of such systems, the locations are turned into an arena of suspected crime. Everyone who enters such an arena have to ask himself what his intentions are.
With his novel from 1707 “Le diable boiteux”, Alain-René Lesage devised a scenario of surveillance. The devil of passions makes it possible for us and a young student to look into the private lives of the residents of Madrid by lifting up the roofs of their houses. Viewed from a contemporary perspective, the devil appears here as a medium of observation long before George Orwell identified the evil often inherent in the act of surveillance.