Vorwort
Andere Räume – Räume, die irgendwie in eine Schräglage geraten sind – Bildräume, deren perspektivische Bedeutung versetzt erscheint – Ausblicke in Räume mit einer beunruhigend gekippten Sicht der Dinge: solche Verschiebungen, die Räume und Ansichten in einem anderen Licht erscheinen lassen, ziehen sich wie ein Leitfaden mit vielen Verschlingungen durch die Ausstellung.
„Man stelle sich vor, daß wir in einem gewöhnlichen Zimmer sitzen. Plötzlich wird uns mitgeteilt, daß sich hinter der Tür ein Leichnam befindet. Von einem Augenblick zum anderen ist der Raum, in dem wir sitzen, völlig verändert: alles hat ein anderes Aussehen angenommen; das Licht, die Atmosphäre haben gewechselt, wenn sie auch physisch die gleichen geblieben sind. Der Grund ist der, daß wir uns verändert haben und daß die Dinge so sind, wie wir sie erfassen.“(1)
So schildert der dänische Filmemacher Carl Theodor Dreyer 1940 ein Phänomen der Raumwahrnehmung, das er als Prinzip seiner filmischen Arbeit einsetzt. Ein Raum, der vorher gewöhnlich und alltäglich erschien, wird mit einem Schlag, durch die Bewusstwerdung eines Unheimlichen verquer. Die Schräglage der uns umgebenden Räume entsteht durch den toten Mann. Aber wer ist der tote Mann?
Schräge Räume beunruhigen durch ihre Fremdheit, und selbst vertraute Motive erscheinen darin irgendwie bedrohlich. Das kindliche Bedürfnis, sich mit einfachen Materialien einen Unterschlupf zu bauen, wird ausgesprochen seltsam, wenn ein Erwachsener versucht, sich auf dieselbe Weise von der Umwelt abzuschotten. Räume aus roh belassenem Holz oder Kulissen, die nicht mehr als verlässliche Behausungen gelten können, werden zu unheimlichen Fallen, die sich gegen den Schutzsuchenden kehren. Aber solche paranoiden, im wörtlichen Sinne: verrückten Formen entstehen auch durch die Verschiebung von Verhaltensmustern. Wenn in sozialer Interaktion unsere Erwartungen enttäuscht oder gestört werden, verlieren wir die Grundlagen für eine Form der Entgegnung, die unseren eingeübten Handlungsmustern entsprechen würde. Das scheinbare Fehlverhalten des Gegenüber stoppt den in der Regel mehr oder minder ungebremsten Fluss kommunikativer Interaktion, indem es eine Metaebene einschaltet, in der die Situation als solche reflektiert wird. Wir sehen uns mit der Frage konfrontiert, was nun in dieser räumlichen oder habituellen Situation anders verlaufen ist, als wir es gewohnt sind. Das Spektrum der eigenen Reaktionsmöglichkeiten wird aufgerufen und nach einer adäquaten Lösung gesucht. Wenn sich die Konstellation als Dilemma erweist, wird jede Reaktion obsolet. Aus dieser Form der Verrückung gibt es keinen Ausweg.
Wenn in der allgemein verbreiteten Auffassung über die politische und wirtschaftliche Lage die vorherrschende Meinung von Resignation geprägt ist, dann schwingt darin ein Aspekt von gesellschaftlicher Paranoia mit.
Aus der Blickrichtung Dreyers wäre eine solche Sicht der Dinge bestimmt durch den toten Mann. Wenn man sich die Frage stellt, ob der tote Mann wirklich hinter der Tür steht, öffnet sich eine weitere Pforte. Sie erlaubt einen Blick ins Innere des toten Mannes der plötzlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem angsterfüllten Insassen des Zimmers bekommt. Dann schauen wir uns mit einem Mal selbst in die Augen, obwohl einer von uns beiden hinter der Tür verborgen bleibt.
Holger Birkholz

Die Medieninstallationen der Ausstellung MONITORING wurden aus 350 Installationsvorschlägen, die anlässlich des 22. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofestes eingereicht wurden, ausgewählt. Für die Auswahl zeichnet eine Jury aus Künstlern, Kuratoren und Kunstwissenschaftlern verantwortlich, die sich aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kasseler Kunstvereins, der Kunsthalle Fridericianum, der Kunsthochschule Kassel und des Filmladens zusammensetzt. Dieses Kuratorenteam bildet seit einigen Jahren ein beispielhaftes lokales Netzwerk aus unterschiedlichen Kunst- und Medieninstitutionen. Der im Rahmen der Ausstellung gepflegte Austausch zwischen internationalen und nordhessischen Künstlerinnen und Künstlern wurde in diesem Jahr mit einer Förderung durch die Dr. Wolfgang Zippel-Stiftung ausgezeichnet.
Alle ausgestellten Arbeiten konkurrieren um den mit 2.500 Euro dotierten „Golden Cube“, den Preis für die beste Medieninstallation, gestiftet von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Marli-Hoppe-Ritter-Kunststiftung.
MONITORING zeigt parallel in einer Sonderausstellung Filminstallationen von Rosa Barba. Diese Ausstellung ist im Kasseler Kunstverein über das Fest hinaus bis zum 20. November zu sehen. Rosa Barba veröffentlicht aus diesem Anlass den fünften Teil ihrer Edition „Printed Cinema“, die als Beilage zum Fridericianum Magazin „ein + alle“ Nr.14 im Dezember 2005 erscheint.

Rooms that have somehow become oblique – images whose perspectives seem disarranged – views of a distressingly uncommon kind; these shifts of the ordinary, that make rooms and attitudes appear in a different light, are, with many variations, the theme of the exhibition.
„Imagine sitting in an ordinary room. Suddenly, you’re told that behind the door was a dead body. From one moment to the other, the room you’re sitting in has completely changed: everything has assumed a new look; the light, the ambience has changed, may they still be the same physically. The reason for this is, that we have changed and that things are as we perceive them“ (2)
That’s how the Danish film maker Carl Theodor Dreyer described a phenomenon in 1940 that he used as a principle of his work. A room that seemed common and usual
becomes, with the realisation of the uncanny, queer. The strangeness of the rooms around us is evoked by the dead man. But who is the dead man?
Oblique rooms make us uneasy by their alienness and even familiar motifs appear somehow frightening within them. An infants desire to build a simple hide-out using basic materials becomes extremely bizarre, when an adult is trying to separate himself from his surrounding in the same way. Rooms out of roughly cut planks or scenarios that can’t be called reliable anymore, become threatening traps, turning against the one seeking protection. However, these paranoid forms are also created by a shift of display patterns. When our hopes are disappointed or disturbed by a social interaction, we lose the basis for a form of reply, that would correspond with our acquired display patterns. The apparently abnormal behaviour of the person opposite normally brings the more or less continuous flow of communicative interaction to a standstill, by interpolation of a level,
in which the situation is reflected. We are confronted with the question of what is different in this spatial or habitual situation in contrast to what we were used to. One’s spectrum of possible replies is called up and an appropriate solution is searched. If the constellation proves to be a dilemma, any reaction gets obsolete. There’s no way out of such a shift.
If the widely held opinion of the political and economic state of the country is characterised by resignation, then the overtones contained in this opinion are an aspect of social paranoia. From Dreyer’s point of view this position would be determined by a dead man. Asking whether the dead man is really behind the door, opens up another gateway, which allows a look inside the dead man, who suddenly receives a certain resemblance to the fearful inmate in the room. And then we look into each other’s eyes all at once, although one of us remains in obscurity behind the door.

The media installations of the exhibition MONITORING were selected out of 350 proposals handed in on the occasion of the 22nd Kassel Documentary Film & Video Festival. Responsable for the selection was a jury of artists, curators and art historians consisting of the members of the Kasseler Kunstverein, Kunsthalle Fridericianum, Kunsthochschule Kassel and the Filmladen. This curatorial team has been constituting an exemplary local network of various art and media institutions for some years. The exchange of international and Hessian artists, fostered within the framework of the exhibition, has been awarded a prize this year by the Dr. Wolfgang Zippel-Stiftung.
All displayed works compete for the “Golden Cube” prize, an award for the best media installation, endowed with 2500 Euro by the Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen and the Marli-Hoppe-Ritter-Kunststiftung.
MONITORING offers parallel a special exhibition of the film installations by Rosa Barba. This exhibition will be presented in the Kasseler Kunstverein in addition to this festival until 20th of November. Rosa Barba will publish her fifth volume of her edition “Printed Cinema” on this occasion, which will come out as a supplement to the Fridericianum’s magazine “ein + alle” No. 14 in December 2005.


1) Neergard, Ebbe: Carl Dreyer, A Film Director’s Work (En Filminstruktors Arbejde: Carl Th. Dreyer og hans ti Film, Kopenhagen 1940), London 1950, S. 27, zit. n.: Krakauer, Siegfried: Theorie des Films (Theory of Film, The Redemption of Physical Reality, New York 1960), Frankfurt/Main 1964, S. 131 Dreyers Bemerkung bezieht sich auf seinen 1932 gedrehten Film „Vampyr“.
2) Neergard, Ebbe: Carl Dreyer, A Film Director’s Work (En Filminstruktors Arbejde: Carl Th. Dreyer og hans ti Film, Kopenhagen 1940), London 1950, S. 27