Mi, 09.11. / 20:00
Zu Besuch bei… / Visiting at…
Im Programm schauen wir bei uns Unbekannten in die Wohnungen wie ins Leben. Von Außen geht unser Blick nach Innen und ins Innere, mit oder ohne Worte, ganz nah dran, aber ohne die Intimsphäre zu verletzen. Was also geschieht hinter den Fassaden?

In the program we look into the apartments of strangers like looking into a life. From outside our view goes towards the interiors and then inside, with or without words, coming very close but without infringing on others’ privacy. What after all goes on behind the façade?



Menschen im Fenster
Robert H. Schumann
Deutschland 2004, 26 Min.

Mit dem Kissen unterm Arm stehen sie im Rahmen und schauen auf die Straße, oft stundenlang: Die 'Fenstergucker’ sind eine Alltagserscheinung in Groß- und Kleinstädten. Der Film ist ein Portrait über diese Menschen, die erzählen, warum sie gucken. Aus Langeweile, Neugierde, weil die Frau verstorben ist oder die Kinder fort sind. Manche Gucker sind Umschlagplätze für intime Informationen, andere wiederum stille Genießer.
Bei zwei Menschen geht der Film sogar in die Wohnungen hinein und hört sich ihre persönlichen Geschichten an. Vom Aufenthalt in der geschlossenen Anstalt oder vom Krieg. „Nur draußen zu stehen, hätte mir zu wenig Tiefe gebracht“, meint der Autor. Dabei stellte er fest, dass Erdgeschoss-Gucker meist am aufgeschlossensten sind. „Die sind sehr offen und Gespräche gewohnt“.


Diary
Oksana Buraja
Litauen 2003, 25 Min.

NOMINIERUNG: GOLDENER SCHLÜSSEL

Larisa hat das Tagebuch ihrer Großmutter gefunden, in dem sie vor 96 Jahren schrieb, sie hätte schon von der Enkelin geträumt, als die eigene Tochter noch nicht geboren war.
Die Traumnotizen verbinden sich mit Larisas Leben, das von Armut und emotionaler Gewalt geprägt ist. Und der ewige Streit mit ihrem Mann, der Alkoholiker ist und die tägliche Konfrontation mit der tristen, aussichtslosen Situation im heutigen Russland.
Der Filmemacherin gelingt ein sehr nahes, unverfälschtes Portrait, so dass man meinen könnte, sie habe die Kamera in der Wohnung unsichtbar positioniert, denn selbst unter Beobachtung verhält sich das Paar ohne Hemmungen und der nackte Realismus prallt dem Zuschauer entgegen.

At the times of famine in Russia in 1921 Ana had a vision in her dreams: she saw her unborn granddaughter crying bitterly for help. Ana put down her vision in the diary which was accidentally found by her 56 years old granddaughter Larisa. Larisa is a poor woman who struggles with a lack of money and a surplus of alcohol. The film depicts life in a post-communist country where pensions are extremely insufficient, old flats are deteriorating and despair is the daily companion of the old and poor. The grandmother’s dream affects Larisa’s sleep and peace of mind.


Geld und Angst haben wir nicht gekannt
Felix Grimm, Kirstin Krüger, Oliver Gemballa
Deutschland 2005, 43 Min.
Weltpremiere
grimm.f@gmx.net

In einem 200 Seelen Dorf, mitten in der Altmark/Sachsen-Anhalt, begegnen die drei Filmemacher im Jahre 2000 zum ersten Mal der Familie Schmidt. Die 10-köpfige Familie lebt in einem kleinen baufälligen Haus in einfachsten Verhältnissen. Ihr Alltag in dieser von Arbeitslosigkeit geprägten Region ist durch verschiedene Strategien bestimmt, die das ökonomische Überleben sichern. Der arbeitslose Vater betreibt eine kleine Geflügelzucht und hat ein ausgeklügeltes Beziehungs- und Tauschsystem aufgebaut. Die Mutter - seit 1996 an Brustkrebs erkrankt - organisiert das Familienleben und setzt alles daran, dass sich die Kinder gut versorgt fühlen. Was auf den ersten Blick eher chaotisch anmutet, offenbart ein ganz praktisches Beziehungsgeflecht, in der jedes Familienmitglied bestimmte Aufgaben wahrnimmt. Da es keine Trennung von Wohnen und Arbeiten gibt, entstehen andere Ordnungssysteme, die ihren Sinn über Gebrauchswert und Nutzen entfalten. Die Gemeinschaft erweist sich jedoch als fragil, da über die Krankheit der Mutter kaum gesprochen wird. Zu groß ist die Angst vor dem Verlust und die Sorge um die Zukunft ohne Mutter. Zu Beginn des Jahres 2003 überschlagen sich die Ereignisse, es geschehen Dinge, mit denen niemand rechnen konnte. Die Familie steht plötzlich vor ungeahnten Aufgaben, die ihren Zusammenhalt schmerzlich ins Wanken geraten lassen. Zeit, ein Resümee des turbulenten und schwierigen Familienlebens zu ziehen.