Fr, 11.11. / 11:00
Bürokratie des Todes
Die Allgegenwärtigkeit der nüchternen Methoden im Betrieb von Archiven, Bestattern oder Gerichtsmedizinern lässt uns nach der Wertigkeit eines Menschenlebens und seiner Erlebnisse und den Umständen seines Todes in schnelllebigen und zunehmend anonymisierten Gesellschaften fragen.

in Kooperation mit dem Museum für Sepulkralkultur



Automóvil M.I.
Roland Vargas, Catherine Cely
Kolumbien 2004-2005, 3:51 Min.
http://homepage.mac.com/exiliados

Die M.I. Serie besteht aus sieben Videofragmenten, die von fotografischem Zellulose-Acetat-Planfilm als Archivmaterial des gerichtsmedizinischen Institutes Kolumbien aus den Jahren zwischen 1953 und 1979 zusammengestellt wurde. Die Arbeit dreht sich um zwei wesentliche Fragen: Wie geht man mit Archivmaterial um, dass als Folge unserer Gewalt produziert wurde? Wie kann man die kleinen Fragmente lesbar machen, um die Erinnerung zu bewahren?
Die M.I. Serie arbeitet mit den “Zwischenräumen” des historischen Materiales, dort wo das kriminelle Ereignis unwichtig wird und das Interesse mehr am Detail, an der Besonderheit, an den Hinweisen, die in Verbindung gebracht werden (oder auch nicht) mit einer Tatsache oder einem bestimmten Ereignis. Das Bild, das auf diese Weise betrachtet wird, löst sich von seinem Ursprung. Es erweckt aufgrund der verlorenen Verbindung mit der alten Geschichte, zum eigenen Leben und muss daher seine eigene Existenz unter Beweis stellen. Die Erinnerung entscheidet, was sie vergessen will. Was sie aber nicht registriert, kann sie nicht vergessen. Die M.I. Serie befreit die Bilder von dem festgelegten Charakter eines Archives, um das eigentlich Öffentliche sichtbar zu machen und somit eine Erinnerung zu ermöglichen.

The M.I. series is composed by seven video art fragments that work with archive photographic material in cellulose acetate plates of the forensic Colombian institution dated 1953 to 1979 and revolves around two fundamental questions:
How to interact with the archive material produced as a consequence of our violence?
How to make legible the small fragments as a memory conservation task?
The M.I. series works with the interstices of the historical material, where the criminal event is abandoned, and on the other hand, is interested more in the detail, the particularity, the sign, related or not to a fact or specific event. The image that is treated in this sense becomes independent from the expedient, recovers its own life due to the lost link with the ancient history, and proves itself in its own existence.
The memory must register what it will forget, but what it does not register it can not forget, in this sense the M.I. series extracts these images from the restrictive character of an archive to make them visible from what is public and in this way for them to be remembered and thought of one more time.


A Certain Kind of Death
Grover Babcock / Blue Hadaegh
USA 2003, 70 Min.
Deutsche Premiere
www.acertainkindofdeath.com

NOMINIERUNG: GOLDENER SCHLÜSSEL

“A Certain Kind Of Death” ist eine unerschrockene Reise durch die umständliche Prozedur der ‘Auflösung’ einer menschlichen Existenz. Die Filmemacher Blue Hadaegh und Grover Babcock legen ein mysteriöses, doch allgegenwärtiges Verfahren offen: Was geschieht wenn jemand ohne nächste Verwandte stirbt.
Wir treffen Ronald Tanner, Donald Wright und Tommy Albertson tot in ihren Apartments. Wir sehen zu, wie verschiedene Beamte den Nachlass, das Geld, die persönlichen Besitztümer der Charaktere durchgehen, und mit jedem Schritt den Verstorbenen weiter in die Nicht-Existenz verfrachten. Seltsamerweise wird jeder Einzelne der Toten zu einer lebhafteren Person als die noch atmenden Sachbearbeiter.
Die Filmemacher Blue Hadaegh und Grover Babcock zeigen das dunkle Milieu in überraschend komponierten und schönen Szenen. Die Kameraführung ist aussagekräftig, präzise und symmetrisch- die zerbrechliche Schönheit eines jeden Lebens in der letzten Ruhe, die jetzt unbewohnten Häuser verlassen von den Seelen, die ihnen ihre Bedeutung gaben.
Alle Verstorbenen haben eine einzigartige Geschichte. Tommy Albertson war ein zurückgezogener Ingenieur, der regelmäßig Teile seines Einkommens an eine Obdachlosen-Unterkunft spendete. Ronald Tanner war ein Homosexueller, der glücklich mit seinem Partner lebte, bis dieser vor acht Jahren an AIDS starb. Seitdem hatte er kaum das Haus verlassen, hinterließ jedoch detaillierte Pläne für sein eigenes Begräbnis. Donald Wright fällt vor allem dadurch auf, dass wir wenig über ihn wissen. Wie kann ein Mensch so wenig Spuren hinterlassen? Selbst der Ausweis war gefälscht.
Während sich die Leben für den Zuschauer langsam verdeutlichen, verschwinden ihre tatsächlichen Spuren zunehmend. Kirchliche Mitarbeiter bereiten die Körper auf ihre Beseitigung vor. Haushaltsgeräte, Möbel und persönliche Kleinigkeiten der Verstorbenen werden ins Lagerhaus des Kreises gebracht, wo Auktionäre sie an Fremde versteigern, die nichts über die bisherigen Besitzer wissen. Es ist schwer sich vorzustellen, dass wir nun die bloßen Knochen der Charaktere zu sehen bekommen, die wir während des Filmes so gut kennen gelernt haben.
Jede Szene, voll von unerwarteter Ironie und fesselnder Symbolik, zwingt uns über die Frage zu grübeln: „Was ist der Tod?“

An unabashed journey through the elaborate procedure of ‘dissolving’ a human existence. The filmmakers depict a mysterious and yet quite common process – what happens when someone dies without any next of kin? We watch as various officials go through the remains, the money and the personal possessions of the deceased. And with each step the departed characters are brought further towards non-existence.