So, 13.11. / 15:15
Kassel dokumentiert / Documentation in Kassel
Was bleibt?, könnte man als Thema über den Film von Carolin Ernst stellen. Ein ruinöser Plattenbau ist die verbliebene Hülle eines ehemaligen DDR-Studentenwohnheims, das in den Erinnerungen seiner einstigen Bewohner noch immer lebendig ist. Wer bleibt?, das ist wiederum die existenzbedrohende Frage, die sich die Mitarbeiter eines insolventen Kasseler Autohauses stellen müssen.The question What remains? could be seen as the theme of Carolin Ernsts film. A decrepit prefab high-rise building is the remaining shell of a former East German student dormitory; in the minds of its former occupants, however, it remains a lively place. Who will remain?, on the other hand, is the grave question that employees of an insolvent Kassel automobile dealership must seek to answer.
Carolin Ernst
Deutschland 2005, 39 Min.
Weltpremiere
carolinv.ernst@web.de
NOMINIERUNG: GOLDENER HERKULES
Block 007 im Zentrum von Halle-Neustadt beherbergte bis in die Neunziger Jahre als Studentenwohnheim bis zu tausend Menschen. Heute steht das Haus leer. Die Scheibe A, wie sie im Volksmund genannt wird, war in ihrer Hochzeit eine eigene kleine Stadt. Zu Beginn, Anfang der Siebziger Jahre, ist sie der Stolz ihrer Bewohner, ein architektonisches Beispiel der Moderne. Offenheit und Gemeinsinn prägen die Stimmung. Die Gemeinschaft ist stark, die Träume auch.
Mit ihrem Verfall fällt auch ihr Ansehen und so wird das Haus Ende der Neunziger leergewohnt. Ein Theaterfestival belebt die Scheibe A 2003 kurzzeitig. Heute ragen sie und ihre drei Schwestern wie Mahnmale in den Himmel von Neustadt.
Gehen ist Silber, bleiben ist Gold erzählt die Geschichte der Scheibe A. Aus Beobachtungen der ehemaligen Bewohner, des Hausmeisters, der Festivalorganisatoren, den Visionen der Künstler und Spuren, die die Zeit hinterlassen hat, entsteht das Porträt eines Hauses, das gleichzeitig auch ein Stück weit die Geschichte der DDR widerspiegelt. Der Film zeigt in stillen Einstellungen und sehr persönlichen Interviews Poesie wie Kälte, Heimatgefühle wie Ablehnung gegenüber diesem anonym erscheinenden Berg aus Beton.
The portrait of an eighteen storey skyscraper in Eastern Germany which housed up to thousand people in its prime. The student home was a centre of community spirit and dispute in the seventies and of cohesion in the eighties. Formerly representative of architectural Modernism, it is now dilapidated and empty. A theatrefestival revived it but shortly in 2003. Constructed from interviews with former lodgers, the caretaker, organisers of the festival, and illustrated by the artists visions, the film reflects fragments of East-German history.
Klaus Stern
Deutschland 2005, 48:17 Min.
Festivalpremiere
klausstern@gmx.de
NOMINIERUNG: GOLDENER HERKULES
Auf diesen Anruf hat Fritz Westhelle lange gewartet. Der Insolvenz-Richter vom Amtsgericht Kassel ist dran. Ein großes nordhessisches Autohaus hat Insolvenzantrag gestellt. Westhelle soll übernehmen. Schon längere Zeit weiß er, dass es dem Autohändler schlecht geht. Jetzt hat die Bank dem überschuldeten Autohaus die Kreditlinien zusammengestrichen. Da nutzt es auch nichts, dass er erst vor kurzem seinen neuen Jaguar dort gekauft hat. Das Insolvenzbüro Westhelle ist mit 157 Mitarbeitern die Nummer 8 in Deutschland. Und kaum einer Branche geht es zurzeit so blendend, wie der der Insolvenzverwaltung. Fritz Westhelle hat den Ruf des Knallharten, wenn die Aussichten zweifelhaft sind. Filetieren, zerlegen, entlassen. Er sieht sich ganz anders: nachgiebig und gutmütig sei er, und schmunzelt dabei.
Die 223 Mitarbeiter in den sieben Autohausfilialen sind demotiviert. Schon seit einiger Zeit kommt der Lohn unpünktlich, Weihnachtsgeld gibt es schon länger nicht mehr, und nun kündigt der Insolvenz-Verwalter an, dass er auf keinen Fall mit allen Mitarbeitern den Betrieb fortführen wird. Wenn überhaupt. In den ersten drei Monaten nach Eröffnung der vorläufigen Insolvenz zahlt die Agentur für Arbeit in Nürnberg Löhne und Gehälter. Solange werden alle weiter beschäftigt. Bis dahin hoffen sie, dass Westhelle einen neuen Investor findet. Wenn nicht, droht den Mitarbeitern das Schicksal, das die ganze Nation bewegt: Arbeitslosigkeit. Mit seinem Portrait über den Insolvenzverwalter Westhelle erzählt Klaus Stern ein dramatisches Kapitel deutscher Realität.

