Fr, 11.11. / 20.00
Freundliche Übernahme / Friendly Takeover
– oder die Nebeneffekte der Globalisierung.
Kulturelle Annexion und Aneignung kann sehr unterschiedliche Ursprünge oder Motivationen haben: vom frechen und eindeutigen Plagiat über den aufrechten Aufklärungsversuch, der ausschließlich aus Neugierde geboren ist; von größtem Respekt über schamlosen Missbrauch bis zur Fehlübersetzung. Diese „freundlichen Übernahmen“ sagen meist mehr über den neuen Benutzer aus als über ihre ursprüngliche Herkunft. Ein überraschendes Programm, das Stereotypen und Vorurteile aus anderer Sicht zeigt und alternative Interpretationen vorstellt.

– or one more side effect of globalisation. Cultural annexation and appropriation can have widely differing origins and motivations: from unashamed and unmistakeable plagiarism to a legitimate educational effort arising from simple curiosity; from the greatest respect to a shameless misuse to plain mistranslation. These “friendly takeovers” usually say more about the new user of the material than about the material’s actual origin. A surprising programme that presents stereotypes and prejudices from another perspective and offers alternate interpretations.



Americanizer
Victor Davydov
Russland 2000, 1 Min.

Der einfachste Weg einen Mann innerhalb einer Minute glücklich zu machen. Oder wie ein Russe zum Amerikaner wird – für eine Minute.

The simplest way to make a man happy in 1 minute. Or how a Russian turns American – for a minute.


Big Ben in Siberia
Bettina Sebek
Großbritannien 2005, 10 Min.

Surgut in West Sibirien ist eine neureiche russische Ölstadt. Sie ist etwa dreißig Jahre alt und ein bisschen grau. Hier ist auch die Heimat des Multimillionärs Yevgeni Barsov. Er wollte seinen eigenen Big Ben, gleich hier in Surgut. Also baute er sich einen. Die sibirische Version ist 37 Meter hoch. Und dabei wird es nicht bleiben: „Do you know the Tower Bridge – in London? So nice!“

Surgut in Western Siberia is a newly rich Russian oil town. It is only about thirty years old, a little bit grey and the home of multimillionaire and devoted anglophile Yevgeni Barsov. He wanted his very own Big Ben right here in Surgut, so he built one. The luxurious siberian Version is thirty-seven meters high. And it won’t stop there. “Do you know the Tower Bridge – in London? So nice!”


Aiwa to Zen
Candice Breitz
Japan / Deutschland 2003, 11:30 Min.
Courtesy: ShugoArts, Tokyo
Deutsche Premiere

„Während meines ersten Besuchs in Japan in 2002 schrieb ich jedes Wort auf, das ich vor diesem Besuch kannte. Das dünne Vokabular von etwa 150 Worten hatte fast nur mit dem exotischen imaginären Japan zu tun oder dem käuflichen Japan: japanisches Essen, Japan im Krieg, japanische Pop-Kultur, japanische Kunst und Mode und zu einem überwältigenden Ausmaß Dutzende von japanischen Markennamen. Ich fragte fünf japanische Muttersprachler, Szenen aus dem täglichen Leben zu improvisieren und dabei ausschließlich mein primitives Ausländer-Japanisch zu benutzen.“ (Candice Breitz)

During my first visit to Japan in 2002, I wrote down every Japanese word that I had known before visiting Japan. The thin vocabulary of about 150 words that I managed to scrape together had to do almost exclusively with an exotic and imaginary Japan, or a consumable Japan... with eating Japanese food, Japan at war, Japanese pop culture, the Japanese art and fashion worlds, and, overwhelmingly, with dozens of Japanese brand names. I asked five Japanese-speakers to improvise a series of scenes from daily life, using only my primitive foreigner's Japanese.


Leon
Susi Jirkuff
Österreich 2005, 1:07 Min.
Weltpremiere

Zwei Männer aus der Elfenbeinküste spazieren in der Wiener Innenstadt. Bei einem Hundehaufen haben sie ganz unterschiedliche Ansichten.

Two men from the Ivory coast take a walk through down town Vienna.


Acrobats – The Story of the Urban Spacemen
Johan Karrento
Finnland/Deutschland 2003–2005, 40 Min.
http://www.inbreedfilm.com

NOMINIERUNG: WERKLEITZ-STIPENDIUM

Einige Afrikaner werden in einem Tornado gefangen und mit auf eine wundersame Reise nach Europa genommen. Das Abenteuer ist mit zauberhaften Städten, nicht enden wollenden Überraschungen und den farbenfrohen Einwohnern Europas gefüllt. Die Europäischen Akrobaten, so wahr sie auch scheinen, sind Fiktionen, Stereotypen, durchsichtige Puppen. Trotzdem sprechen sie bedeutungsvoll zu uns – obwohl sie nicht sprechen. Die Afrikaner sind unsichtbar, aber sehr präsent. Diesmal sind sie es, die den Europäern erklären, wer sie sind und wohin sie gehen. AKROBATEN ist ein musikalisches Abenteuer für die ganze Familie.

A few Africans are caught by a tornado and are taken for a ride over the rainbow into the fantastic land of Europe. This adventure is filled with enchanting cities, never ending surprises and of course, the colourful citizens of Europe. The European acrobats, as real as they seem, are only fictional. Stereotypes and shallow puppets in a colourful setting. Nonetheless they talk to us in a profound way- even though they don’t talk. The Africans are invisible but very present. This time they explain to the Europeans what they are and where they’re heading. ACROBATS is a musical documentary adventure for the whole family.


Do Not Listen!
Cem Kaya
Deutschland 2005, 25 Min.

NOMINIERUNG: WERKLEITZ-STIPENDIUM

Kaya konzentriert sich auf das türkische Mainstream-Kino der 60er und 70er Jahre, genannt „Yesilçam“. So hieß die einheimische Filmindustrie, die bis in die 80er Jahre hinein billig, schnell und auf die Wünsche der Bevölkerung zugeschnittene Filme produzierte. Aufgrund fehlender Urheberrechtsgesetze konnten sich die türkischen Filmemacher aus dem kulturellen Pool der gesamten Welt bedienen. Türkische Versionen von „Tarzan“, „Don Quichote“, „Some Like It Hot“ oder „The Exorcist“ sind nur wenige Beispiele für Stoffe, die vom Westen adaptiert wurden. Die meisten Geschichten mussten durch einen türkisch-islamischen Filter, um dem lokalen Publikum zugänglich gemacht zu werden. Wertvorstellungen, kulturell spezifische Kodierungen und Referenzen mussten z. T. weggelassen oder hinzugefügt werden. Diese Praxis führte zu kulturellen Hybriden, die bei genauer Betrachtung sehr viel über das türkische Selbstbildnis aussagen. Der viel beschworene Ost-West Dualismus prägt diese Filme, jedoch vielmehr als Beleg für das Funktionieren von kultureller Diversität mit all ihren, sich gegenseitig scheinbar ausschließenden Paradoxien.
Auf dieses Hintergrundwissen aufbauend realisierte Cem Kaya seinen Found Footage Film DO NOT LISTEN! Die Arbeit untersucht den Film »The Exorcist« und seinen türkischen Klon »Seytan« auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. In DO NOT LISTEN! treffen sich die Exorzisten aus beiden Filmen, um eine ökumenische Teufelsaustreibung vorzunehmen. Ihre gemeinsame Waffe ist ihr Glaube an Gott und an das Gute. Die Mädchen (Gül bzw. Regan) sind besessen von einer bösen Macht, die Intoleranz, Ausgrenzung und Brandmarkung predigt. Diese Macht gilt es auszutreiben. Während des Exorzismus aber stachelt der Teufel mit seinen Lügen unsere frommen Helden an. Latent durchdringt sie das Böse, und bevor sie merken, was wirklich geschieht, stehen sich Christen und Moslems unversöhnlich gegenüber und preisen die Allmacht ihrer eigenen Götter. Angela Merkels Kommentar im Vorfeld der letzten Bundestagswahl läuft in den Untertiteln mit.