Fr, 11.11. / Bali Kino
International Video Reporting: Eine Bestandsaufnahme / An Inventory

Seit den 1990er Jahren gibt es kompakte, bezahlbare Videokameras und Schnittcomputer, mit denen es möglich ist, professionelles Fernsehen zu machen. Diese neuen Möglichkeiten wurden zunächst von Künstlern, einzelnen Filmemachern und unabhängigen Videogruppen ausgelotet und für die jeweiligen Zwecke nutzbar gemacht. Seit einigen Jahren etabliert sich in der Fernsehberichterstattung – neben der herkömmlichen Produktion – eine neue Arbeitsweise:
Die so genannten „Videojournalisten“ (VJ) oder auch Videoreporter (VR) recherchieren, drehen und schneiden ihre Geschichten selbst. Diese Filme entstehen also nicht mehr in Teamarbeit von Autor, Kamerafrau und Tonmann und Cutterin, sondern kommen aus einer Hand.
Die Arbeit des Videojournalisten, der mit Hilfe digitaler Videotechnik dokumentarische, fernseh- und kinotaugliche Beiträge von der Recherche bis zur Postproduktion im Alleingang realisieren kann, wird kontrovers diskutiert. Amateurhaft, oberflächlich, dilettantisch sagen die einen – authentischer, demokratischer, ein unverstellterer Blick auf die Wirklichkeit, sagen die anderen. Die einen beschwören den Videojournalismus als dokumentarische Herangehensweise der Zukunft, die anderen halten ihn für den Untergang des seriösen TV-Journalismus. Fast immer, wenn das Thema zur Sprache kommt, ruft es heftige Reaktionen hervor und das weltweit. VJ gibt es mittlerweile in fast allen deutschen Sendern, durchgängig bei der BBC und in vielen europäischen und amerikanischen Regionalsendern.
In einem gemeinsamen Projekt beleuchten die Professur Medien-Ereignisse der Fakultät Medien der Weimarer Bauhaus-Universität, das „backup_festival“ (netzwerk filmfest e.V.) sowie das Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest diese neue Entwicklung. Einerseits sollen die historischen Wurzeln aufgezeigt und dokumentiert werden, andererseits werden durch den ausgeschriebenen 2. Internationalen Video Reporting Award die aktuellen Potenziale und Perspektiven sichtbar. Das Projekt wird gefördert durch den Austauschfonds Ost-West der Kulturstiftung des Bundes.

Since mid 1990 compact and affordable video cameras and video editing programmes are on the market allowing to professionalize telecasts. These new possibilities were fathomed out and exploited for any particular purpose by artists, independent groups of video producers and some filmmakers. For a while, a new working method of journalism- next to traditional methods- has established: The so-called video journalists (VJ) also video reporters (VR), research, shoot and cut their own stories by themselves. These films are not anymore created in teamwork consisting of authors, cameraman, soundman and cutters but are now the work of a single person.
The production of documentary, television and cinematic contributions through a video journalist is discussed controversally because the complete process, from research to post production, is accomplished by the sole effort of the journalist who uses the new digital video editing techniques.
This new development is examined within a mutual project between the professorship Medienereignisse of the faculty Media of the Weimarer Bauhaus-Universität, the “backup_festival” (netzwerk filmfest e.V.) and the Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest. On the one hand, the historic roots are shown and documented, on the other hand, the latest potentials and perspectives shall be presented through the 2. Internationalen Videoreporting Award that has been tendered. This project is sponsored by the Austauschfonds Ost-West and the Kulturstiftung des Bundes.

I. Vom Direct Cinema zum Videojournalismus
Die Idee, ohne ein großes Produktionsteam aufzutreten und somit näher an die Ereignisse und an die Personen heranzukommen, ist nicht neu. Kompakte Filmkameras, die synchron gesteuerte Tonaufnahmen ermöglichen, gibt es seit Beginn der sechziger Jahre. Unter verschiedenen Labels wie etwa „Free Cinema“, „Candid Eye“, „Direct Cinema“ und „Cinéma Vérité“ produzieren seitdem Regisseure mit verschiedenen Ausrichtungen ihre Filme. Während das „Direct Cinema“ eng mit Namen wie etwa Richard Leacock oder Frederick Wiseman verknüpft und anglo-amerikanischen Ursprungs ist, entstand das „Cinéma Vérité“ in Frankreich und wird Autoren wie etwa Jean Rouch zugeordnet. Beim „Cinéma Vérité“ versuchten die Filmemacher durch die Präsenz der Kamera Wahrheiten über Protagonisten und Ereignisse („Kino Prawda“) heraufzubeschwören, die bislang noch im Verborgenen verblieben waren. Diese Intervention durch die Filmemacher in das Geschehen versucht das Video Reporting nach Möglichkeit zu vermeiden. Verdienstvoll war und ist aber die Intention, die Ereignisse und Menschen für sich selbst sprechen zu lassen. Die heutigen digitalen Möglichkeiten standen diesen Regisseuren noch nicht zur Verfügung; dennoch können sie als die „Vordenker“ des Video Reportings betrachtet werden.
Mit der Erfindung von tragbaren Videoaufzeichungsgeräten Anfang der siebziger Jahre konnten sich die Möglichkeiten des Direct Cinemas bzw. des Cinéma Vérités weiter verbreiten. Jetzt konnten Einzelpersonen oder Gruppen aktuelle Ereignisse ohne den kostenintensiven Einsatz von Filmmaterial dokumentieren. In fast allen westlichen Industrieländern entstanden Videoinitiativen, die den „Sprachlosen“ ein Forum geben und diesen im Sinne von Brecht und Enzensberger in der standardisierten audiovisuellen Medienwelt Aufmerksamkeit verschaffen wollten. In Deutschland wurden in den Siebziger und Achtziger Jahren in nahezu jeder Großstadt Videokooperativen, Videowerkstätten oder auch Videoläden als Anlaufstellen einer selbstbestimmten „Gegenöffentlichkeit“ gegründet. Prominente Beispiele sind „die thede“ in Hamburg, die „MedienOperative“ in Berlin oder die Medienwerkstatt Freiburg.
Letztendlich sind alle „alternativen“ Medienprojekte an den rudimentären Distributionsmöglichkeiten gescheitert. Mit dem Aufkommen des Privatfernsehens in Deutschland und dem Fall der Mauer verschwanden sie nach und nach von der Bildfläche. Und doch sind auch hier weitere Wurzeln des heutigen Videojournalismus zu suchen. Einerseits waren die Gruppen den neuen technischen Möglichkeiten gegenüber aufgeschlossen und leisteten Pionierarbeit im Einsatz und Gebrauch von mobilen, kostengünstigen Videoaufnahmeeinheiten. Andererseits bemühten sie sich darum, möglichst dicht am Geschehen zu dokumentieren und das Abgebildete nicht durch übermäßigen Einsatz von Technik und Team zu verstellen.
Durch die rasante Entwicklung der digitalen Fernsehtechnik sind neue Medienproduzenten gefragt: Ein Videojournalist kann als Personal Digital Producer (PDP) mit einem minimalem Technikeinsatz auf Sendung gehen.
Die geringen Kosten werden es immer mehr Menschen ermöglichen, eigene Beiträge zu erstellen und so ungewohnte Themen, neuartige Fragestellungen und experimentelle Gestaltungslösungen einzubringen. Die Digitalisierung der Fernsehproduktion gibt den Medienschaffenden Stift und Block in Form von Kamera und Laptop in die eigene Hand.
Gute VJ/VR-Beiträge leben von einer besonderen Intensität bei der Darstellung ihrer Protagonisten. Sie stehen Modell für zeitgemäße, authentische und effiziente Produktionsweisen. Aufgrund der Intimität der Arbeitsweise ist Video Reporting ideal auch für Langzeitbeobachtungen geeignet. Neue Themen können erschlossen werden, die früher undenkbar erschienen. Viele Themen lassen sich fast nur über diese Methode erzählen, weil die eine Kamera viel besser ins Geschehen und das Umfeld der Protagonisten eintauchen kann als ein Drehteam, das oft Ablenkungs- oder auch Gefährdungspotentialen unterliegt. Die Unmittelbarkeit des Zugriffs auf die Wahrnehmung von Welt entspricht einer Arbeitsweise, wie sie in Kunst und Literatur seit Anbeginn vorherrscht und erst jetzt für die bislang arbeitsteiligen audiovisuellen Medien verwirklicht werden kann. Ein digitales Autorenprinzip kann sich etablieren, da erstmalig alle schöpferischen Gestaltungsebenen in einer Hand liegen. Die Filmschaffenden haben erneut die Freiheit, die Schranken des konventionellen Fernsehens hinter sich zu lassen, um neue experimentelle Formen zu erproben. Sehr persönliche essayistische Mischformen werden möglich: Filme von „Citizen Journalists“, unter widrigsten Bedingungen gedreht, werden zu eindrücklichen Zeitdokumenten und können sich den von den Mainstream-Medien vernachlässigten Themen widmen.
Erfahrungen und Ansätze der Videobewegung finden sich in der Arbeit der heutigen Videoaktivisten wieder. Die Themenfelder sind vergleichbar: die digitalen Camcorder sind im Einsatz der Ökologie- und Antiglobalisierungsbewegung und helfen Menschenrechtsverletzungen in aller Welt, von Tschetschenien bis in die USA, zu dokumentieren. Darüber hinaus verfügen die heutigen Videoaktivisten über das Internet als neue Distributionsmöglichkeit. Jenseits der etablierten Nachrichtenmedien eröffnet die Verknüpfung von Internet und digitalem Equipment neue Informationskanäle. Zu einer drastischen Veränderung der Mediennutzung führen auch die Möglichkeiten des Filmvertriebs im Netz, die Bereitstellung von logbuchartigen Videobriefen (Vlogs) und auf dem Handy verfassten Blogs (Moblogs). Statt zielgruppenorientierter Spartenkanäle können sich die Zuschauer künftig ihr personalisiertes, netzbasiertes „I-TV“ zusammenstellen, die Inhalte kommen via Tauschbörsentechnik auf den Schirm. Aufgrund der zu erwartenden Fragmentierung bzw. Atomisierung der Zuschauerschaft wird die Programm- und Sendeplanung der traditionellen Sender durch ein Klassifizierungs- und Katalogisierungssystem ergänzt werden müssen, das die Programmstruktur ersetzt. Die Spaltung zwischen fernsehschaffenden Machern und zuschauenden Rezipienten wird dabei zunehmend aufgehoben. Angesichts von Handy-Fotos der Londoner Anschläge, die -– ins Netz gestellt – millionenfach nachgedruckt wurden, wird deutlich, dass die alte Forderung von Alexandre Astruc „Caméra-stylo“, die „Kamera als Stift“, längst eingelöst ist. Viele, die heute noch passive Nutzer sind, könnten zu aktiven Mitgestaltern, zu Content Providern neuer weltweiter TV-Net-Works werden.
Nicht nur die Pioniere von Participatory Culture und anderer Medienaktivisten-Portale wie Kanal B, die vor allem unabhängige Medieninhalte und Videoblogs anbieten, sondern auch die BBC hat sich der Tauschbörsentechnologie geöffnet. Der britische Sender stellt von September 2005 an seine Archive ins Netz und macht auch das reguläre TV-Programm als Vlogs verfügbar.

Die Präsentationen und Filmbeispiele am Freitag, den 11. November veranschaulichen die skizzierten Ursprünge, während die Veranstaltungen am 12.11. die Grundlagen für eine Standortbestimmung des Video Reportings liefern.


International Video Reporting: Eine Bestandsaufnahme
Ein Kooperationsprojekt von »backup_festival« (netzwerk filmfest e.V.) und dem Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest (Filmladen Kassel e.V.) in Zusammenarbeit mit der Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Medien, Professur Medien-Ereignisse.
Organisation und Realisation: Albert Beckmann, Juliane Fuchs, Wieland Höhne, Wolfgang Kissel, Henrike Rodegro, Sabine Streich, Gerhard Wissner
Das Projekt wird gefördert durch den Austauschfonds Ost-West der Kulturstiftung des Bundes.